Zwischen Beobachtung und Wahrnehmung
Sinn und Bedeutung eines gegenstandsfreien Ausdrucks
Die Bereitschaft, beim Zeichnen das gegenständlich bekannte loszulassen und sich auf das gegen-standsfreie nicht bekannte einzulassen, das ist die essenzielle Voraussetzung, um in einem hypnoi-den Zustandsraum gegenstandsfrei zeichnen oder malen zu können. Deshalb zeigen solche abbil-dungsfreien Bilder grundsätzlich keine gegenständlichen Objekte der extrazerebralen Außenwelt, sondern ausschließlich intrazerebrale Effekte der psychischen und geistigen Innenwelt. Diese In-nenwelt ist raumzeitlich nicht verortet und kann vom zentralperspektivisch verrechnenden physi-schen Gehirn nicht beobachtet werden. Jenseits, hinter oder innerhalb dem zentralperspektivisch Beobachtbaren, in Substantiven Benennbaren und Beschreibbaren ist der nicht messbare gegen-standsfreie Zustandsraum der vierten Dimension. Dieser Raum hat keine metrisch messbare Größe; er ist eine mit der aktuellen Situation verschränkte Qualität, die vom subzerebralen Ich als variieren-de Ausdehnung erlebt wird.
Das Spektrum gegenstandsfreier Ausdrucksmöglichkeiten reicht von gering differenzierten (Bild 97) bis zu differenzierteren Freiheitsgraden (Bild 98 und 99). Betrachtet man dies am Beispiel des Bewe-gungsausdrucks, zeigt sich, dass in diesen Zeichnungen keine gegenständliche Bedeutung, sondern eine gegenstandsfreie Wirkung vermittelt wird.
Bild 97
Bild 98
Bild 99
Im Unterschied zur physischen Dimension gibt es in der psychischen und der geistigen Dimension kei-ne allgemein gültigen Parameter, anhand derer man eine Wirkung bestimmen könnte. Doch das Sub-jektive einer Wirkung ist ebenso objektiv, weil sie sich ereignet und somit der Fall ist, und das bedeu-tet: ein gegenstandsfreies Bild wird je nachdem, wie es betrachtet wird, anders wahrgenommen, so-dass dessen Botschaft eine Schöpfung des psychischen und geistigen Empfindens ist. Kein abbildungs-freies Bild bedeutet von sich aus irgendetwas. Und weil es eine Botschaft ohne Bedeutung ist, muss der Verstand schweigen, damit man den Sinn des Bildes hören kann.
Der Begriff Botschaft ist im allgemeinen Sprachgebrauch mit der Vorstellung eines Inhalts, also einer benennbaren Information verbunden; deshalb kann man sich einen bedeutungsfreien Zustand nur schwer vorstellen und bildet sich die Meinung, dass gegenstandsfreie Bilder sinnlos und ohne Be-deutung sein würden. Das sind sie auch, wenn man Sinn und Bedeutung auf gegenständlich benenn-bare Objekte der physischen Realität bezieht und das Verständnis einer gegenstandsfreien Kunst von den Erfahrungen der physischen Welt der Objekte herzuleiten versucht. Was in gegenständlichen Bil-dern eine inhaltliche und benennbare Bedeutung ist, das ist in gegenstandsfreien Bildern deren Wir-kung. Es geht also um eine Botschaft durch Wirkung oder anders gesagt, die Wirkung ist die Botschaft und die Bedeutung des Bildes ist seine Wirkung.
Die Erfahrung einer Wirkung ist ein Einfluss, ein empfindendes Betrachten, ohne die rationalen Mus-ter von Gedachtem. Dann lässt sich die Botschaft des Bildes, ohne ein Wissen um dessen Bedeutung erfahren, indem man das mit den Sinnen wahrgenommene auf sich wirken lässt. Aber ebenso wie ra-tionales Denken und Folgern gelernt und differenziert werden kann, muss auch das unterscheidende Empfinden beim Wahrnehmen eines gegenstandsfreien Bildes gelernt und differenziert werden. Eine gegenstandslose Zeichnung aus der Psychiatrie (Bild 100) hat eine andere Wirkung, als eine Zeich-nung im Stil von John Cage (Bild 101).
Bild 100
Bild 101
Wie man sehen kann, vermitteln gegenstandsfreie Zeichnungen bzw. Bilder (Bild 102 und 103) auf-grund ihrer unterschiedlichen Wirkungen unterschiedliche Botschaften. Welche Botschaften das sind, lässt sich natürlich nicht benennen, weil es sich dabei um averbale Wirkungen handelt, deren qualifizierende Empfindungen vom subzerebralen Ich unbewusst wahrgenommen werden.
Bild 102
Bild 103
Wenn die Wirkung eines gegenstandsfreien Bildes dessen Botschaft ist, kann diese Botschaft nur subjektiv sein und ist dann abhängig von der Offenheit für das Empfinden des wahrnehmenden Be-trachters. Das bezieht sich selbstverständlich nicht nur auf ungegenständliche Bilder, sondern auf alle Weltphänomene, die hinter ihrer gegenständlichen Fassade dynamische Wirkungszustände sind.