Welt ohne Schatten
Licht und Farben im Bild der vierten Dimension
Eine vierte Dimension kann man nicht sehen, genauso wie man auch keine drei Dimensionen sieht, wenn man sich in einem Raum befindet. Was man „Raum“ nennt, ist. Ein abstraktes Gedankenbild. Niemand hat bisher Raum gesehen. Der dreidimensionale Raum ist ein komplexer Interaktionspro-zess. In diesem Prozess ist man selbst als Körper, mit seiner Selbsterfahrung im subzerebralen Ich und das zerebrale Es beteiligt. Daran beteiligt sind auch eine Lichtquelle, das Licht, sowie gegenständliche Objekte und deren Verortung im Raum. Diese Interaktion erschafft eine Welt der Farben und Schatten, die nicht von den Objekten getrennt sind. Nur in der Malerei des Impressionismus, des Expressionismus und in der Abstraktion ist es möglich, in einer Welt gegenständlicher Objekte Far-ben ohne Schatten zu sehen und darzustellen. Wenn man das Phänomen der vierten Dimension ver-stehen will, muss man sich das Modell der drei Raumdimensionen näher ansehen.
Die erste Dimension der Linie ist eine solche Abstraktion, die es in der extrazerebralen gegenständ-lichen Welt nicht gibt. Auch die zweite Dimension der Fläche ist eine Abstraktion, die real nicht exis-tiert. Das betrifft auch den dreidimensionalen Raum, der ebenso unsichtbar ist. Kein Mensch kann Raum sehen. Die erste, zweite und dritte Dimension sind mathematisch geometrische Abstraktionen. Geht man, wie in der visuellen Kunst, davon aus, dass eine Abstraktion ein gegenständliches Objekt voraussetzt, das abstrahiert, also vereinfacht und auf das Wesentliche reduziert wird, dann gilt es zu erkennen, dass die drei Raumdimensionen keine Abstraktionen sein können, weil sie sich auf kein Objekt beziehen, von dem abstrahiert wurde. Was man sieht und mit der Vorstellung von Raum ver-bindet, sind Objekte und deren Beziehungen zueinander. Und diese Beziehungen erfahren wir über das mit den Objekten interagierende und Schatten werfende Licht. Der dreidimensionale Raum ist ei-ne Fiktion, weil es ihn nur als eine gedankliche geometrische Konstruktion und nicht als Phänomen gibt. Das betrifft auch die sogenannte vierte Dimension, jedoch mit einem Unterschied.
Ich übertrage den Raumbegriff der physischen Dimension auf die psychische und geistige Dimension und spreche dann von einem Zustandsraum. Ein Zustandsraum ist kein messbarer Raum, den man mit Zahlen definieren und für eine Verortung gegenständlicher Objekte verwenden kann. Er ist ein unbe-wusster Zustand von Ausdehnung und Zusammenziehung, von Intensität und Dauer im Kontext einer Beziehung zu gegenständlichen Objekten oder einer Situation. Der dreidimensionale physische Raum wird vom wahrnehmenden Menschen abstrahiert und als unabhängig von ihm vorhanden gedacht. Das unterscheidet ihn vom Zustandsraum, der aufgrund seiner Subjektivität objektiv ist, der phy-sische Raum hingegen eine subjektive Idee ist und objektiv nicht existiert.
Bewusst oder unbewusst befindet man sich immer in einem Zustandsraum und man verlässt diesen Raum immer wieder und kommt zurück ohne es zu bemerken. Man kann sich in diesem Raum ein-geschlossen fühlen, man kann ihn verlassen wollen und weiß nicht wie, man möchte in einem anderen Zustandsraum sein, findet aber den Eingang nicht. Im Zustandsraum kann es finster sein oder hell. Wenn ich den Zustandsraum mit einem gegenständlichen Bild vergleiche, dann befindet sich das subzerebrale Ich sowohl hier als auch dort in einem konstruierten Weltbild. Wenn man vom zere-bralen Kollektivgehirn verstanden werden will, zeichnet man ein gegenständliches Bild und jeder glaubt zu wissen, was man gemeint hat. Aber diese Übereinstimmung in der Perspektive der Weltbe-trachtung schränkt die Freiheitsgrade der psychischen und geistigen Dimension ein.
In der bildenden Kunst hatte man durch einen Sprung in die Leere des gegenstandsfreien Ausdrucks diese Gewohnheit des zentralperspektivischen Sehens der Welt verlassen und die Formen und Far-ben von ihrer Bindung an das Objekt befreit. Das bedeutet, dass sich in den Formen und Farben die Freiheitsgrade der psychischen und geistigen Dimension verwirklichen können und die Möglichkeiten für eine vierte Dimension der Erfahrung gegeben sind. Befreit vom impressiven, expressiven oder ab-strahierenden Abbilden der physischren Realität, kann etwas zum Ausdruck gebracht werden, was den dreidimensionalen Realitätsraum durchbricht und Attribute einer darüber hinaus reichenden un-bekannten Wirklichkeit vermittelt. Das kann geschehen, es heißt aber nicht, dass es auch geschieht. Ob und wie sich im gegenstandsfreien Zeichnen und Malen eine vierte Dimension zeigt, hängt näm-lich nicht von Erfahrungen in der gegenständlichen Welt der Realität ab. Erst, wenn sich das subzere-brale Ich von diesen Bindungen an die Welt der Objekte gelöst hat, besteht die Möglichkeit einer Er-fahrung der vierten Dimension im Bild.
In einem gegenstandsfreien Bild der vierten Dimension ist nichts abgebildet worden. Der Bauhaus-künstler Paul Klee hat gesagt, dass Kunst nicht das Sichtbare wiedergibt, sondern etwas sichtbar macht. Das für ein physisches Auge nicht Sichtbare ist die gegenstandsfreie Wirklichkeit der vierten Dimension, die sich vom gegenständlich Sichtbaren der dreidimensionalen Realität unterscheidet. Das zeigt sich darin, dass mit den Formen und Farben keine Erfahrungen der gegenständlichen Welt abgebildet werden. An die Stelle des Abbildens tritt der Ausdruck des zerebralen Es von dem das subzerebrale Ich im Prozess des Zeichnens oder Malens nicht weiß, wie er sich zeigen wird.
Die vierte Dimension zeigt sich also nicht, wie man meinte, in der gleichzeitigen Anschauung aller Per-spektiven eines physischen Objekts; das wäre nur eine paradoxe Erweiterung einer zentralper-spektivischen Realität. Sie ist eine Entkoppelung der Formen physischer Objekte und eine Entkoppe-lung der Farben von gegenständlichen Formen. Das wiederum bedeutet, dass sich die Formen und Farben eines gegenstandsfreien Bildes in einem bedeutungsfreien Zustand befinden. Wenn man eine Dimension als die Möglichkeit von Freiheitsgraden definiert, folgt daraus, dass ein bedeutungsfreier Zustand über die meisten Freiheitsgrade verfügt. Das bedeutet wiederum, dass einer physischen, einer psychischen und einer geistigen Dimension im gegenstandsfreien Zustand einer Bedeutungs-freiheit alle Freiheitsgrade des Ausdrucks möglich sind. Ein solcher bedeutungsfreier Zustand ist mit einem ebenso bedeutungsfreien Zustand des zerebralen Es korreliert, denn, dass es frei von Bedeu-tung sein muss, entspricht den Freiheitsgraden einer leeren Fläche, die aufgrund ihrer Leere jeden Ausdruck ermöglicht. Die Freiheitsgrade der Leere, die einem gegenstandsfreien Zustand analog ist, entspricht der vierten Dimension, in der alles möglich, aber noch nicht der Fall ist, sodass sich physi-sche, psychische und geistige Aspekte dieser Dimensionen im dreidimensionalen Kontext von Raum und Zeit verwirklichen können.
Die Freiheitsgrade der vierten Dimension ermöglichen in Prozessen zweckfreier Handlungen den Ausdruck gegenstandsfreier Form- und Farbphänomenen ohne Beziehung zu physischen Objekten. Ich erinnere an die Aussage von Kasimir Malewitsch, der in seinem Suprematistischen Manifest ge-schrieben hat, dass eine Suprematie, also ein seelisches Empfinden dann zum Ausdruck kommt, wenn man das Gewohnte der Gegenständlichkeit ignoriert. Ich modifiziere das aufgrund meiner Erfahrun-gen und sage, dass die vierte Dimension im gegenstandsfreien Bild dann zum Ausdruck kommen kann, wenn man beim Zeichnen oder Malen, die egozentrierte Weltbetrachtung zu ignorieren imstande ist. Wenn das gelingt, ist die Erfahrung einer Suprematie der Linie, eine Suprematie der Form, eine Supre-matie der Farbe und eine Suprematie des Raumes möglich. Das schattenlose Farbempfinden eines von Objekten befreiten Lichts, kann mit ästhetischen Ansprüchen und Absichten verbunden sein. Wenn sich das subzerebrale Ich jedoch in einem hypnoiden Zustandsraum des Erlebens und Wahr-nehmens befindet, dann können sich höher dimensionierte Attribute eines geistigen Lichts verwirk-lichen. Höher dimensionierten Attribute des bildnerischen Ausdrucks korrespondieren in der vierten Dimension mit einem Empfinden der geistigen, von Schatten befreiten Formen und Farben und ihren Beziehungen im Zustandsraum des Erlebens. Dieser Zustandsraum des Erlebens ist das räumlich be-grenzte physische Handlungsfeld und dessen Proportionen.
Solche Bilder der vierten Dimension hatte es bereits in der frühmittelalterlichen Buchmalerei (Bild 116), in den persischen Miniaturen (Bild 117), im antiken tibetischen Thangka (Bild 118) und in der sino-japanischen Landschaftsmalerei (Bild 119) gegeben.
Bild 116
Bild 117
Bild 118
Bild 119
In diesen obwohl figurativen und somit gegenständlichen Bildern bestand das essenziell wesentliche jedoch nicht im Darstellen religiöser oder weltlich ästhetischer Themen, sondern im Ausdruck eines gegenstandsfreien Lichts, das mit figurativen Themen in Zusammenhang gebracht worden war. Sie können etwas von diesem Prinzip des Empfindens in der vierten Dimension erfahren, wenn Sie in die-sen Bildbeispielen die gegenständlichen Attribute zu ignorieren. Wenn Ihnen das gelingt, dann haben Sie über das subzerebrale Ich auf das zerebrale Es Einfluss genommen und befinden sich in einem an-deren Zustandsraum der Wahrnehmung, weil Sie das Muster der gegenständlich figurativen Konditio-nierung durchbrochen haben. Das bedeutet, dass eine Erfahrung des inneren Lichts der vierten Di-mension von einem mehr oder weniger permissiven Zustand des subzerebralen Ich abhängt.
Die Eigenschaften und Wesensmerkmale eines gegenstandsfreien Bildes der vierten Dimension las-sen sich über die Konfiguration der Formen, deren Verortung im Flächenraum und in den Beziehun-gen der Farben zu den Formen wahrnehmen und erfahren. Dieser Eindruck ermöglicht ein Farberle-ben, das als Klang empfunden wird. Dieser Klang, der ein Farbklang ist, wird nicht physisch, sondern geistig wahrgenommen. Das geistige Wahrnehmen von Farbe und Klang ist ein Empfinden von Konso-nanzen und Dissonanzen; das sind keine Emotionen, sondern entsprechen eher einer mathemati-schen Ästhetik. In gegenstandsfreien Bildern einer höheren Ordnung zeigt sich diese Analogie zur mathematischen Ästhetik im Prinzip des Tertium comperationis, indem gegensätzliche und unvereinbar scheinende Form- und Farbelemente in eine ihnen übergeordnete kohärente Farb-Form-Union inte-griert sind. Ebenso wie es einfache und komplexe mathematische Gleichungen gibt, gibt es auch ein-fache und komplexe gegenstandsfreie Zeichnungen und Bilder der vierten Dimension.
In Kontext der vierten Dimension der gegenstandsfreien Phänomene der Welt sind Wahrnehmung, Licht und Farbe, sowie Bewusstsein sind homolog zu verstehen; sie suggerieren lediglich aufgrund von Sprach- und Denkgewohnheiten getrennte Zustände. Setzt man diese drei Begriffe zueinander in Beziehung, haben Licht und Farbe die Bedeutung von Wahrnehmung und Bewusstsein; Wahrneh-mung hat die Bedeutung von Bewusstsein, sowie Licht und Farbe; Bewusstsein hat die Bedeutung von Licht, Farbe und Wahrnehmung. Aber weder Licht und Farbe, noch Wahrnehmung oder Bewusstsein existieren an und für sich, haben also keine voneinander unabhängige Existenz. Ebenso lässt sich auch die physische Dimension von Licht und Farbe nicht von der psychischen und geistigen Dimension trennen. Licht und Farbe, alias Wahrnehmung, alias Bewusstsein sind ein physisches, psychisches und geistiges Phänomen des Seienden. Anders gesagt, das Wesen der Wahrnehmung ist das Erhellen des Seienden und alles, was der Fall ist, erscheint im Licht des Bewusstseins.