Zwischen Realität und Wirklichkeit
Eine vierte Dimension im gegenstandsfreien Bild
Wenn ich von der vierten Dimension rede, meine ich damit etwas anderes als die Zeit, die Albert Einstein als vierte Dimension in die dreidimensionale Geometrie des Raumes eingeführt hatte. In seinem Modell Zeit als eine vierte Dimension des Raumes zu verstehen, wird der gegenständliche Aspekt einer zentralperspektivischen Raumwahrnehmung der Objekte beibehalten und das hatte (von der Relativitätstheorie abgesehen) keinen bedeutsamen Einfluss auf das Welt- und Menschenbild.
Die Idee einer vierten Dimension hatte es schon vor Albert Einstein gegeben. Doch vor ihm hatte man sie metaphysisch ver-standen. Man dachte, die vierte Dimension würde etwas, die dreidimensionale physische Welt durchdringendes geistiges sein. Diese Intuition war verknüpft mit spirituellen, mystischen und das Bewusstsein verändernden Attributen. Man war sich dessen gewiss, dass es noch etwas anders gab als die beschränkende Dreidimensionalität der physischen Realität.
Unterstützt wurde diese Intuition unter anderem von dem britischen Princeton Mathematiker und Sciencefiction-Theoretiker Charles Howard Hinten der sich bereits 1880 mit den geistigen Aspekten einer vierten Dimension beschäftigt hatte. 1904 veröffentlichte er seinen Ideen in dem Buch The Fourth Dimension. In diesem Buch hatte er auch Hinweise für mentale Übun-gen beschrieben, die es ermöglichen sollten, das Bewusstsein des subzerebralen Ich vom konditionierten dreidimensionalen Sehen und gegenständlichen Denken zu lösen, um die Wahrnehmung einer vierten Dimension zu ermöglichen. In Amerika war es der Harvard Psychologe und Philosoph William James der sich ebenfalls mit paranormalen Phänomenen und Fragen zur vierten Dimension beschäftigt hatte. Er meinte, die menschliche Wahrnehmung würde keinesfalls auf die euklidischen Raum-geometrie und ein zentralperspektivisches Sehen beschränkt sein und dachte, ein zentralperspektivisch konditioniertes Sehen und Denken würde das Wahrnehmen der geistigen Dimension der physischen Welt verhindern. Es waren Künstler, die sich gefragt haben, ob es eine nicht perspektivische, also eine geistige Sicht der Welt geben könnte und wie sie sich bildnerisch zeigen würde.
Angeregt und beflügelt wurde diese Suche nach Antworten unter anderem durch radikale Erkenntnisse in der Physik und Quantenphysik durch Max Planck, Albert Einstein, Erwin Schrödinger, Niels Bohr und Wolfgang Pauli, aber auch durch das Aufkommen der Psychoanalyse durch Sigmund Freud und C. G. Jung und deren Konzept eines Unterbewusstseins. Dazu ka-men Veröffentlichungen von Gedankenmodellen und Einsichten aus der Theosophie. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss dürfte in diesem Zusammenhang auch die Öffnung der Prinzhornsammlung mit den Bildnereien der damals sogenannten Geis-teskranken gehabt haben. Künstlerinnen und Künstlern hatten sich darum bemüht, die dritte Dimension der physischen Reali-tät zu überwinden und über das Medium der gegenstandsfreien Malerei eine vierte Dimension zu erkunden.
Um den geistigen Aspekt der vierten Dimension zu veranschaulichen, stelle ich jetzt einen Zusammenhang her zwischen dem subzerebralen Ich, dem zerebralen Es und dem gegenstandsfreien Zeichnen. Mein Ansatz ist eine Reduktion der bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten auf die gegenstandsfreie Linie. Ich werde zeigen, dass sich im gegenstandsfreien Ausdruck höher dimensionierte Aspekte des subzerebralen Ich äußern können, in denen sich ansatzweise eine vierte Dimension zeigt. In die-sem Zusammenhang löse ich auch die fiktive Spaltung zwischen dem Geistigen und Physischen auf, weil in der gegenstands-freien Welt der vierten Dimension alle Phänomene interdependent aufeinander bezogen sind. Dies impliziert eine Koinzidenz des Geistigen im Physischen und das bedeutet, Geistiges wird anhand von Physischem erkannt und Physisches wird anhand von Geistigem verstanden.
Ich folge diesem Ansatz weiter, weil ich erkannt habe, dass es eine Religion des gegenstandsfreien Bildes gibt. Re-ligio, die Zurückbindung des Menschen an etwas, das über ihn und seine physische Existenz hinausweist. Bilder, die mehr sind als Ab-bilder. Dabei wurde mir bewusst, dass es etwas viel Wesentlicheres als Religion gibt: eine Proligion im Sinne der pro-ligio einer vierten Dimension, die sich nicht an das Bekannte des Zurückliegenden bindet. Sie würde das schöpferisch Mögliche des zerebralen Es in der physischen, psychischen und geistigen Dimension der Welt verwirklichen. Ich habe den Weg zur Proligion einer gegenstandsfreien vierten Dimension beim hypnoiden Malen der Rollbilder erfahren. Er begann damit, dass sich das subzerebrale Ich während des gegenstandsfreien Zeichnens im hypnoiden Zustand von den Bindungen an die gegenständliche Welt lösen und sich ideodynamische Ausdruckshandlungen frei entfalten konnten. Freies Entfalten bedeutet in diesem Kon-text, dass sich Formelemente bilden und im Raum konfigurieren konnten, ohne dass dem eine egoge ästhetische Absicht zu-grunde gelegen hätte. Das gleiche Prinzip hatte sich im Ausdrucksbereich des ideosensorischen Empfindens verwirklicht. Aber wie kam es beim gegenstandsfreien Zeichnen zum Ausdruck einer vierten Dimension? Vorausgesetzt, dass es sich dabei um keinen Selbstbetrug, sondern um ein authentisches Phänomen handelt? Wie zeigt sich eine vierte Dimension im Unter-schied zum dreidimensionalen Raumerleben? Ich werde das anhand eines Würfels und seiner Schatten beschreiben, die mit dem Sehen von Licht und der zentralperspektivischen Raumgeometrie zusammenhängen.
Ein Würfel ist ein dreidimensionales Objekt, das sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort befindet. Er ist ein gegenständliches Objekt, ein verortetes, zentralperspektivisch wahrgenommenes Phänomen. Das bedeutet, man kann einen dreidimensionalen Würfel nur in Bezug zu sich selbst und zu einer bestimmten Zeit in einer der möglichen Perspektiven sehen. Diese egozentrierte Zentralperspektive ist mit eingeschränkten Freiheitsgraden des Sehens verbunden, deren Grenzen sich nur in einem kontemplativ imaginativen Sehen überschreiten lassen.
Bild 104
Wollte man einen physischen Würfel in einer anderen als der aktuellen Perspektive sehen wollen, würde dies eine Änderung des Standortes erfordern. Man kann das gegenständliche Objekt eines Würfels nicht gleichzeitig von oben und von unten, von links und rechts sehen, weil das eine das andere ausschließt. Daraus ergibt sich eine interessante Paradoxie. Wenn man alle möglichen Perspektiven eines dreidimensionalen Würfels gleichzeitig wahrnehmen könnte, wäre eine Kugel zu sehen. Das heißt: Ein Würfel der vierten Dimension ist eine Kugel und ein Quadrat der vierten Dimension, ein Kreis. Dazu ein Beispiel: Von einem gleichbleibenden Standort (x) aus betrachtet, ergeben alle Positionen einer quadratischen Fläche eine Scheibe, wenn man alle möglichen Positionen gleichzeitig sehen könnte (Bild 105).
Bild 105
Von solchen und ähnlichen Gedankenexperimenten angeregt haben Künstlerinnen und Künstler versucht, eine sozusagen übergeordnete vierte Dimension dreidimensionaler Objekte bildnerisch darzustellen. Dabei stellte man sich die vierte Di-mension als die Gesamtheit aller raumzeitlich verorteter dreidimensionaler Aspekte eines Objekts vor. Man hat dreidimensio-nale Objekte so gemalt, als würde man sie gleichzeitig von verschiedenen Standorten zentralperspektivisch betrachten. Es hatte den Anschein, als würde man damit der Idee einer vierten Raumdimension nahegekommen sein. Ein Beispiel für dieses Prinzip ist eine Zeichnung aus der Psychiatrie, in der ein Gesicht von zwei unterschiedlichen Standorten aus gezeichnet worden war (Bild 106).
Bild 106
In der bildenden Kunst war Pablo Picasso einer der großen Meister dieser Malerei, der in seinen Bildern dieses Prinzip der Gleichzeitigkeit verschiedener Betrachtungsperspektiven verwirklicht hat (Bild 107); ebenso anschaulich ist in diesem Zusam-menhang auch ein Bild von George Condo (Bild 108).
Bild 107
Bild 108
Bild 109
Ich glaube nicht, dass diese beiden Künstler und andere, die ähnlich gemalt haben (Bild 109) den Anspruch hatten, sich mit der vierten Dimension zu befassen. Sie haben jedoch in ihrer Malerei etwas zum Ausdruck gebracht, was der Idee nahekommt, die vierte Dimension würde ein Zustand sein, in dem man ein gegenständliches Objekt gleichzeitig von mehreren Seiten sehen und malen könnte.
Aus Distanz betrachtet bleibt die vierte Dimension in diesen Beispielen auf den gegenständlichen Objektbereich fixiert, ohne die zentralperspektivischen Aspekte der Weltsicht zu überschreiten. Schließlich haben erste Schritte von der Bindung an die gegenständliche Welt der Objekte weggeführt und den gegenstandsfreien Erfahrungsraum geöffnet. Wie die vierte Dimensi-on der Zeit in die drei Raumdimensionen der physischen Welt eingeführt wurde, ebenso habe ich eine gegenstandsfreie vierte Dimension in den physischen, psychischen und geistigen Erfahrungsraum des zerebralen Es eingeführt (Bild 110).
Bild 110
Es ist ein grundlegender Unterschied, ob man die vierte Dimension in der bildenden Kunst von einem ästhetischen Verständ-nis her gestaltend zum Ausdruck bringt oder ob man sie in einem veränderten Wahrnehmungsraum erfährt, in dem man das perspektivisch geprägte, trennende Welterleben ignorieren kann und sich im Bewusstsein der vierten Dimension befindet. Je-der gute Designer kann Zeichnungen im Stil einer vierten Bilddimension anfertigen. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sich der oder die Betreffende auch in einem analogen Zustandsraum des Bewusstseins befunden und in dieser zerebralen Ver-fasstheit gezeichnet oder gemalt hat. Die folgenden Bilder sind Beispiele für einen gegenstandsfreien Ausdruck der vierten Di-mension, die in einem hypnoiden Zustand des subzerebralen Ich entstanden sind (Bilder 111 bis 115).
Bild 111
Bild 112
Bild 113
Bild 114
Bild 115