Bilder der vierten Dimension
Die gegenstandsfreien Entitäten der Rollbilder
Meine Rollbilder sind in den Jahren 1967 bis 1998 entstanden und zeigen gegenstandsfreie Entitä-ten. Das sind Beziehungen von Farben und Formen im Kontext einer strukturierenden Matrix, die den Zusammenhang dieser Beziehungen konfiguriert. Die Entitäten lassen sich als geistige Zustandsräu-me verstehen, die ein Ausdruck der instantanen Einheit der physischen, psychischen und der geisti-gen Dimension des zerebralen Es sind.
Was ich als strukturierende Matrix bezeichne, ist eine Konfiguration gegenstandsfreier Formen und Farben im zweidimensionalen Handlungsraum, die im Kontext einer vertikalen Bildstruktur in zentri-fugalen und zentripetalen Zentren verdichtet sind. Das verdichtete und zugleich strukturierte Gefüge der gegenstandslosen Formen und Farben in einem Rollbild bildet konsonante und dissonante Farb-akkorde, die dem Wesen einer visuellen Entität der vierten Dimension entsprechen.
Dieser Entitäten sind durch ideodynamisches Zeichnen und ideosensorischen Empfinden beim Malen in einem hypnoiden Zustand entstanden. Die Suche nach deren Bedeutung hatte mich das Modell einer instantanen Einheit der physischen, psychischen und geistigen Aspekte der Welt und des Ge-hirns erkennen lassen. Diesbezüglich möchte ich darauf hinweisen, dass ich nicht über etwas schreibe, was ich weiß, sondern mitzuteilen versuche, was ich sehe. Das ist mir deshalb wichtig, weil Sehen kein logischer, sondern einen Zusammenhang bildender Prozess ist, der sich mit der Konfiguration einer gegenstandsfreien Collage vergleichen lässt.
Der Chirurg, Biologe und Nobelpreisträger für Medizin Alexis Carrel hat sinngemäß gesagt „wir müs-sen die Menschen aus dem gedanklichen Kosmos befreien, den die Physiker und Astronomen kon-struiert haben; einem Kosmos, in den der Mensch seit der Renaissance eingesperrt ist. Trotz all ihrer Schönheit und Größe ist die Welt der toten Materie zu eng für den Menschen. Wir dürfen an dem Dogma eines ausschließlich materiellen Realitätsanspruchs nicht länger festhalten, denn wir wissen, dass die Grenzen nicht unsere Grenzen sind, dass uns andere Dimensionen offenstehen als nur die des physikalischen Kontinuums. Der Geist des Menschen reicht über Raum und Zeit hinaus, in eine andere Welt.“
Diese andere Welt ist eine gegenstandsfreie Wirklichkeit, die sich von der gegenständlichen Realität unterscheidet. Sie kann nicht anders als gegenstandsfrei sein. Wenn sie anders wäre, würde es keine andere Welt sein, sondern eine, die wir bereits kennen. Das lässt sich an dem Konflikt beobachten, in dem sich die Physiker befinden, wenn sie versuchen, die Quantenphänomene einer Anschaulichkeit jenseits der mathematischen Sätze und Gleichungen zuzuführen.
Meinen Erfahrungen und denen anderer Künstlerinnen und Künstlern zufolge, ist die gegenstands-freie andere Welt, die Hilma af Klint, Malewitsch, Kandinsky und andere ahnten, der geistigen Dimen-sion in den Sätzen der höheren Mathematik vergleichbar, mit denen Quantenzustände beschrieben werden. Wie die Gleichung einer Wellenfunktion etwas darstellt, was noch nie jemand gesehen hat, weil es ausschließlich als Wirkung existiert, so ist auch eine gegenstandsfreie Entität die harmonikale Lösung eines interaktiven Prozesses in einem Handlungsfeld. Mathematische Gleichungen bestehen aus gegenstandsfreien Termen, deren Inhalte man nicht sehen kann, weil damit ausschließlich Pro-zesse der physischen Dimension kodiert sind. Auch die ästhetische Gleichung eines Rollbildes besteht aus Formen und Farben, in denen heterogene Wirkungen kodiert sind, die sich in einem gegenstands-freien Prozess zu einer harmonikalen Entität zusammenfügen.
Die Lösung einer mathematischen Gleichung folgt einer logischen Syntax, die als Voraussetzung für eine Lösung gelten kann. Die Ursache der Lösung ist jedoch das Wollen, eine Lösung zu finden, die den Zusammenhang einer Beobachtung beschreibt. Beim Lösen einer ästhetischen Gleichung ist es ähn-lich. Deren Voraussetzung ist die Syntax harmonikaler Beziehungen formaler Elemente, die Ursache ist jedoch eine andere; sie ist ein sich Einlassen auf eine dem subzerebralen Ich nicht bewusste über-geordnete Ganzheit einer gegenstandsfreien Gestalt. Und so wie die Lösung einer mathematischen Gleichung ihren Sinn in der physischen Dimension offenbart, offenbart sich die Lösung einer ästheti-schen Gleichung in der psychischen und geistigen Dimension und bezieht sich auf das Empfinden der harmonikalen Relationen im Kontext des Ganzen der Gestalt.
Beim hypnoiden Malen der Rollbilder entstand während des ideodynamischen Zeichnens eine un-sichtbare Struktur im Flächenraum, wodurch die Entwicklung der gegenstandsfreien Formbildung räumlich organisiert wurde. Diese Struktur war wie eine im Hintergrund wirkende Matrix, die das ideodynamisch Gezeichnete in Beziehung gesetzt und Gestalt bildend konfiguriert hatte. Diese Struk-tur, die in jedem Bild anders war bestand aus Vertikalen, Horizontalen und Diagonalen; aus Kreis, Oval, Dreieck, Viereck, Trapez und Kreuz. Durch das Ineinanderwirken dieser nicht sichtbaren Struk-turelemente haben sich Knotenpunkte im Raum gebildet, wodurch die gegenstandsfreien Formen und Farben in eine korrespondierende Beziehung gebracht wurden (Bild 120).
Bild 120
Die Entitäten der Rollbilder sind Strukturen einer geistigen Dimension des zerebralen Es. Gegen-standsfreie Formen und Farben entfalten von einem zentralen Ort auf der vertikalen Bildachse ausge-hend, einen höher dimensionierten Zusammenhang von Eindruck und Wirkung. Dieser als Emana-tionszentrum wirkende Ort setzt die formalen Elemente der Bildgestalt zentrifugal und zentripetal zueinander in Beziehung. In einem Rollbild können ein oder mehrere solcher Emanationszentren vor-handen sein, deren sich überschneidende Radien Schnittpunkte bilden und die Formelemente indi-rekt miteinander verbinden (Bild 121).
Bild 121
Weil die formale Basis der Rollbilder eine Struktur mit einer vertikalen Bildachse ist, könnte man mei-nen, die linke Seite würde spiegelgleich wie die rechte sein. Aber so ist es nicht. Es gibt viele nuancier-te Unterschiede, die man jedoch beim Blick auf das Ganze nicht bemerkt, weil die harmonikale Ausge-wogenheit der Formen und Farben trotz ihrer teilweise bilateralen Unterschiede die Gestalt einer harmonikalen Entität ergeben. „Die Harmonisierung des Ganzen auf der Leinwand ist der Weg, wel-cher zum Kunstwerk führt“ meinte Wassily Kandinsky. Ich möchte diese Aussage weiterführen und sage, eine kohärente Beziehung gegenstandsfreier Bildelemente ermöglicht einen Ausdruck der vier-ten Dimension.
Was sich in einem gegenstandsfreien Bild zeigt, reicht über seine physische Realität hinaus. Wenn Kandinsky in diesem Zusammenhang vom innerlich Wesentlichen und vom Verzicht auf das äußerlich Zufällige spricht, kann man fragen, was dieses Wesentliche sein könnte. „Die Fähigkeit, infrage zu stel-len! Ich gab sie nie auf. Bekanntlich führt die Fähigkeit, alles infrage zu stellen, den Menschen dahin, dass er entweder ein Weiser oder ein Skeptiker wird. Ihr wirkliches Verdienst jedoch beruht darin, dass sie einen selbständig denken lehrt, einen zurückkehren lässt an die Quelle“. Diese Einsicht von Henry Miller möchte ich mit einer ebenso bemerkenswerten Einsicht von Carl Friedrich von Weizsäcker in Zusammenhang bringen, der sagt: „Schönheit ist eine Form der Wahrheit. Schönheitssinn ist ein Sinn, das heißt ein besonderes Wahrnehmungsvermögen für Wirkliches. Wer jedoch Schönheit als ei-ne Form der Wahrheit bezeichnet, behauptet der nicht eine Objektivität des Subjektiven, eine Ratio-nalität des Irrationalen, die Vernunft eines Affekts? Meine Antwort ist: ja, genau das will ich behaup-ten. Es gibt eine Rationalität des Irrationalen, genauer gesagt eine Vernunft der Affekte, in der sich Subjektives, gerade in seiner Subjektivität, als objektiv, als Erkenntnis erweist.“
Ich habe diesen Ansatz weitergedacht und dabei erfahren: Es gibt eine Religion des gegenstands-freien Bildes. Re-ligio, die Zurückbindung des Menschen an etwas, das ihn in seiner Existenz über das Physische hinaushebt. In meinen Kontemplationen wurde mir etwas viel Wesentlichere als die Religi-on bewusst. Eine Proligion im Sinn einer pro-ligio der schöpferischen geistigen Dimension, die sich nicht an das Bekannte des Zurückliegenden bindet, sondern das schöpferisch Mögliche der drei Di-mensionen und deren drei Prinzipien im sinnlich Erfahrbaren verwirklicht. Eine solche proligiöse Verwirklichung scheint sich in den gegenstandsfreien Entitäten der Rollbilder verwirklicht zu haben, weil sich das subzerebrale Ich beim ideodynamischen Zeichnen und ideosensorischen Malen, in einem permissiv hypnoiden Zustand befunden hat und von Konditionierungen des Kollektivgehins befreit war. Aufgrund dieser, man könnte sagen, psychedelischen Voraussetzung war die geistige Dimension des zerebralen Es von den ästhetischen Absichten und Vorstellungen einer gegenständlich begrenz-ten Weltsicht nicht betroffen. Deshalb konnte sich in dieser Ausnahmesituation eine ideodynamische Gestaltbildung von Entitäten verwirklichen, die von Motivationen und Zielen eines personalisierten egogen Systems unbeeinflusst waren.
Ein solcher Ausdrucksprozess war beendet, wenn die Gleichung der heterogenen Formen und Farben harmonikal gelöst war. Das zeigte sich darin, dass nichts hinzugefügt oder entfernt werden konnte, ohne die Struktur und somit die Kohärenz der Entität störend zu verändern. Was ich eine harmonikale Lösung nenne, sind die Farbrelationen der im Flächenraum verorteten Bildelemente, die in Beziehung zur Einheit der Bildstruktur eine konsonante Einheit bilden. Ob diese harmonikale Gleichung gelöst war oder nicht, hatte sich mir im ideosensorischen Empfinden vermittelt.
In seiner psychischen Dimension ist die gegenstandsfreie Entität eines Rollbildes ein suggestiver Zu-standsraum, der eines permissiven Empfindens bedarf, damit man dessen Wirkung erfahren kann. In seiner geistigen Dimension entspricht es der vierten Dimension des zerebralen Es, die in den Entitä-ten einen transpersonalen Ausdruck gefunden haben. Wie ein Rollbild vom zerebralen Es derjenigen, die es betrachten, wahrgenommen und empfunden wird, hängt von der psychischen und geistigen Disposition des subzerebralen Ich ab. Im besten Fall kann man im Verlauf der Betrachtung seinen aktuellen Zustandsraum verlassen und sich von der Entität in einen anderen Zustandsraum des Erle-bens führen lassen. Aber je mehr man dabei versucht, dieses Phänomen rational begreifen zu wollen, wird man nichts anderes sehen und erfahren als ein physisches Bildobjekt.