Wenn Prozesse der Fall sind

Die Prinzipien der drei Dimensionen

Alles, was sich ereignet, ist ein Ausdruck der physischen, der psychischen und der geistigen Dimensio-nen und deren unterschiedlicher Freiheitsgrade. Diese Freiheitsgrade lassen sich als Optionen verste-hen. Sie sind die Voraussetzungen dafür, dass und wie sich etwas ereignet, das beobachtet und erlebt werden kann. Würde sich nichts ereignen, gäbe es nichts, was man verstehen oder nicht verstehen und worauf man sich beziehen könnte. Denn jedes Ereignis ist grundsätzlich der Ausdruck einer Be-ziehung zum Ganzen, das in Beziehung zum wahrnehmenden zerebralen Ich des zerebralen Es erfah-ren und begrifflich benannt wird.

Der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein meinte, „die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Diesen Gedan-ken greife ich auf und sage, die Welt ist alles, was sich ereignet. Das bedeutet, es gibt keine Dinge in der Welt, nur Prozesse der Welt. Anders gesagt, sobald sich etwas ereignet, ist es auch der Fall und al-lem, was der Fall ist, begegnen wir als Beteiligte in einem Prozess. Meinem Modell der drei Dimensio-nen zufolge bringt sich das als Welt bezeichnete terrestrische System über Prozesse der physischen, psychischen und geistigen Dimension zum Ausdruck und in jeder Dimension kommen die Prozesse der Verwirklichung durch ein Zusammenwirken von drei Prinzipien und deren komplementäre Entsprechungen zustande. Ein Prinzip ist etwas Grundsätzliches. Grundsätzlich bedeutet in diesem Kontext, dass jedem Ereignis drei Prinzipien zugrunde liegen und zum Ausdruck kommen. Es bedeutet auch, dass sich ohne diese Prinzipien nichts verwirklichen und der Fall sein kann.

Sobald sich etwas ereignet, sind folgende drei Prinzipien in unterschiedlicher Dominanz und Wirkung beteiligt, wobei zu bedenken ist, dass keines der drei Prinzipien für sich und ohne die beiden anderen ist und sein kann. Die Bewegung als formierendes, eine kohärente Gestalt bildende Prinzip, das for-mierende, Ordnung bildende und in Beziehung setzende Prinzip, sowie das bindende, einen Zusam-menhalt ermöglichende und haftende Prinzip. Weil sich jedes dieser Prinzipien auch in seiner kom-plementären Entsprechung verwirklichen kann, ergibt sich in der physischen, der psychischen und der geistigen Dimension ein breites Spektrum an Freiheitsgraden der Verwirklichung. Die Prinzipien Be-wegen-Erstarren, Formieren-Deformieren, Bindung-Auflösung bilden in jeder der drei Dimensionen eine dem Sichtbaren verborgene Dynamik aller Ereignisse. Wie die Begriffe Ereignis und Dynamik an-deuten, ist ein Ereignis ein dynamisches Geschehen, in dessen Verlauf sich die physische, psychische und geistige Dimension des zerebralen Es entweder mit oder ohne Beteiligung subzerebralen Ich ausgestaltet (Bild 54).


Bild 54

Es sollte möglich sein anhand eines im Stil von Ivan Aleksevich Kudryashev gemalten gegenstands-freien Bildes zu erkennen, wie sich im Prozess der Bildgestaltung, in drei Dimensionen drei Prinzipien verwirklicht haben (Bild 55).


Bild 55

In der physischen Dimension war die dem Zeichnen und Malen zugrunde liegende Motorik von Bewe-gungen, die Voraussetzung für die Entwicklung des Bildes. Die Freiheitsgrade der Bewegungen waren einerseits durch das Flächenformat und andererseits von Formvorstellungen einer Bildidee begrenzt. Zwischen den Bewegungen und der psychischen Dimension gab es einen unmittelbaren Zusam-menhang, denn ohne ein psychisches bewegt Sein in Form von Absicht und Motivation hätten sich keine Form bildenden Bewegungen ereignet. Physische Erregungsmuster sensorischer Empfindungen waren mit psychisch erlebten, qualifizierenden Urteilen und Entscheidungen korreliert und haben den Prozess der Ausdruckshandlung modelliert. Das psychische Erleben physischer Bewegungen hat sich formierend, also Gestalt bildend auf die Handlungsmotorik ausgewirkt. Das Prinzip der Anziehung, bzw. das Haften am Prozess ermöglichte eine Bildentwicklung, die mit einem beständigen, sich Lösen von gegenständlichen Intentionen und einem sich Hinwenden zu einem gegenstandsfreien Empfinden verbunden war. Der Gestalt bildende, formierende Aspekt der geistigen Dimension wurde über das Beharren an Absicht und Motivation der psychischen Dimension ermöglicht. Ohne Formie-rung wäre aus dem Chaos der formalen Möglichkeiten, keine kongruente Bildgestalt entstanden. Ohne den geistigen Aspekt der Formierung hätte es keinen gestaltenden Einfluss auf die Handlungs-motorik gegeben. Durch die Formierung bildnerischer Elemente war die gegenstandsfreie Konfiguration einer Bildgestalt entstanden. Ein formierendes Empfinden hat die Farben zu den For-men und die Formen zu den Farben in Beziehung gesetzt. In der geistigen Bewegung der Beziehungen zwischen den Formen und Farben und zum Bildraum hat sich eine gegenstandslose Dynamik der Bildelemente entwickelt. In der Konfiguration der Bildelemente im physischen Handlungsraum hat sich über das qualitative Empfinden beim Wahrnehmen ein gegenstandsfreies geistiges Feld verwirk-licht. Ohne Bindung an eine Absicht und Motivation wäre kein Gestaltungsprozess entstanden. Ohne Bindung an eine Bereitschaft zu handeln, hätte sich keine Gestaltung konkretisiert. Ohne Bindung an ein qualifizierendes Empfinden beim Malen würden keine Form- und Farbnuancen zum Ausdruck ge-kommen sein. Ohne Bindung an den Gestaltungsprozess wäre dieses Bild nicht fertig geworden. Ohne Bindung an ein aufmerksames Wahrnehmen hätte sich keine gegenstandsfreie Konfiguration entwickelt. Ohne der Bereitschaft des zerebralen Ich, sich von eigenen Gestaltungsvorstellungen zu lösen, hätte es keine Einfühlung in den Stil von Kudryashev gegeben. Das sich Lösen-Können vom egozentrierten Wollen und das Loslassen eines gegenständlichen Denkens hat ein gegenstandsfreies Gestalten ermöglicht. Das sich einlassen Können in eine gegenstandsfreie Ausdrucksform hat einen Kudryashev analogen Gestaltungsprozess ermöglicht.

Ich fasse das Wesentliche zusammen. Die physische Dimension war die Voraussetzung, damit sich ei-ne Gestaltungsabsicht und Motivation der psychischen Dimension verwirklichen konnten. Materia-lien zu wählen, sich für Materialien zu entscheiden, um sie dann in einen Zusammenhang zu bringen, verwirklichen konnte. Diese Entscheidungen waren ein Ausdruck der Absicht, einen ästhetischen Zu-stand zu verwirklichen. Dabei sind in einem ordnenden und Struktur bildenden Prozess materielle Elemente zu einer kohärenten, physisch verwirklichten Gestalt konfiguriert worden. Dem hat ein fi-nales, auf ein Ziel hin bezogenes Wollen zugrunde gelegen, welches sich im Kontext freier Entschei-dungen entfaltet hat. An diesem Willen zu gestalten waren physische Bedingungen, ein qualifi-zierendes urteilendes Empfinden und Erleben sensorischer Wahrnehmungen, sowie Struktur bilden-de, relational ordnende und eine koinzidente Gestalt bildende Einflüsse beteiligt (Bild 56).


Bild 56

Betrachten wir die Prinzipien in den drei Dimensionen noch in der reduzierten Zeichnung einer ge-genstandsfreien Linie (Bild 57). Es wäre das Ziel, erkennen zu können, dass am Entstehen dieser Linie, die stellvertretend für alle Phänomene ist, die der Fall sind, jedes der drei Prinzipien und jede der drei Dimensionen beteiligt waren und beteiligt sind. Ich erinnere an das Beispiel mit den Eckpunkten des Dreiecks, deren instantan triadisches Vorhandensein die Voraussetzung dafür ist, damit ein Dreieck verwirklicht sein kann.

Bild 57

Diese Linie ist die sichtbare Spur eines auf Bewegung beruhenden Ereignisses. Die Voraussetzung für dieses Ereignis war sehr vereinfacht gesagt, die physische Dimension des zerebralen Es, also des Gehirns und seiner sensumotorischen Effekte. Nervenimpulse haben die Feinmotorik der Hand in Zusammenhang mit der sensorischen Rückkoppelung des visuellen Systems gesteuert und eine kon-trollierte Motorik des Ausdrucks ermöglicht. Die Ursache, die diesen Effekt in der physischen Dimen-sion ermöglicht hat, war die absichtslose Intention, eine gegenstandsfreie Linie zu zeichnen, ohne dass dem eine Vorstellung zugrunde gelegen hat. Das zerebrale Ich befand sich in einem veränderten Zustand der Wahrnehmung, indem es sich von Bindungen an die gegenständliche Bilder- und Er-fahrungswelt getrennt hatte, wodurch die Bewegungsdynamik beim Zeichnen vom zerebralen Es und nicht vom kontrollierenden Ich dominiert war. Der physischen und psychischen Dimension über-geordnet oder in sie hineingeordnet war die geistige Dimension einer formierenden Einflussnahme auf die Bewegungsdynamik der Ausdruckshandlung.

Zusammengefasst und auf die Lebenswelt bezogen sind im zerebralen System drei Dimensionen subsumiert, in denen sich drei Prinzipien auswirken. Die physische Dimension des Gehirns ist die Vor-aussetzung dafür, dass sich die psychische und geistige Dimension im qualifizierenden Unterscheiden, im wahrnehmenden Empfinden und formierenden Gestalten, frei entscheidend und einer gewollten Absicht folgend zum Ausdruck bringen kann.

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