Der Geist der vierten Dimension
Gegenstandsfreier Ausdruck und das intrazerebrale Ich
Kasimir Malewitsch hatte sich in seinem Suprematistischen Manifest und Wassily Kandinsky im Geis-tigen in der Kunst darum bemüht, das Geistige im gegenstandslosen Bild und darüber hinaus der Welt zu verstehen und zu beschreiben. Statt gegenständliche Objekte abzubilden, wollten sie über die gegenstandsfreie Malerei eine Beziehung zum Geistigen herstellen und zum Ausdruck bringen. Ich bin eigenen bildnerischen Erfahrungen folgend diesen Weg des gegenstandsfreien Ausdrucks weiter gegangen und habe meine Erfahrungen im Modell der instantanen physischen, psychischen und gei-stigen Dimension formuliert. Im Kontext dieses Modells ist das Icherleben ein Aspekt des zerebralen Es, sodass ich dieses wichtige psychische Phänomen der subjektiven Icherfahrung intrazerebrales Ich genannt habe. Damit will ich sagen, dass die zweifelsfrei authentische Erfahrung eines Ich kein vom Gehirn getrenntes und illusionäres Phänomen darstellt, sondern eine von der zerebralen Ganzheit in-tendierte Realität ist und dass die suggestiven Bemühungen diverser Bioneurologen und Psychiater dem Ich Initiativen abzusprechen, um sie einem ausschließlich materiellen Gehirn zuzusprechen, Ausdruck eines Glaubens sind.
Mir war zunehmend bewusst geworden, dass sich das gegenstandsfreie Geistige nicht nur auf einen Aspekt der bildenden Kunst bezieht und darauf beschränkt, sondern sich auf alles bezieht, was in der Welt der Fall ist. Wenn man ein gegenständliches Phänomen bis in seine Anfänge und weiter zurück-verfolgt, löst es sich auf, bis nichts Physisches, bzw. oberflächlich materiell gedachtes vorhanden ist, außer dem Ereignis einer gegenstandsfreien Wirkung ohne Objekt. Ich beziehe mich hier vor allem auf Erfahrungen mit gegenstandsfreien Ausdruckslinien, weil sie die Voraussetzungen dafür sind, den gegenstandsfreien Ausdruck des intrazerebralen Ich verstehen zu können, der die Voraussetzung meiner Rollbilder war.
Zeichnen ist eine Ausdruckshandlung und jeder Ausdruck zeigt sich als Verhalten. Das Verhalten beim Zeichnen, die ihm zugrunde liegend Bewegungen lassen sich als unbewusste Botschaften des zerebralen Es verstehen, die von den Freiheitsgraden des handelnden intrazerebralen Ich bewusst oder unbewusst modelliert werden. Eine Modellierung ist ein formbildender Einfluss auf die Formie-rung visueller Elemente zu einer sichtbaren Gestalt. Wenn Sie einen Stift in die Hand nehmen und irgendetwas zeichnen, ereignet sich genau dieser Zusammenhang, ohne dass Sie es bemerken. Wenn Sie nicht darüber nachdenken, was Sie zeichnen, dann kommen Bewegungen zustande, die sich im Kontext der physischen, psychischen und geistigen Dimension des unbewussten zerebralen Ich ereignen und mehr oder weniger vom zerebralen Es dominiert sind. Das folgende Beispiel (Bild 58) zeigt eine gering gestaltete Modellierung einer Ausdruckslinie, das anderes Beispiel (Bild 59) zeigt eine gestaltete Version.
Bild 58
Bild 59
Überprüfen wir diesen Zusammenhang von Bewegung, Handlung und Ausdruck des intrazerebralen Ich an einem einfachen Beispiel. Es gibt eine gegenstandsfreie Ausdruckshandlung, die jeder kennt und doch kaum erkannt wird: die Handschrift. Am Zustandekommen einer Handschrift ist die physi-sche, die psychische und die geistige Dimension beteiligt und in jeder Dimension kommen die Prinzi-pien Bewegung, Formierung und Bindung, sowie deren komplementäre Aspekte und Eigenschaften zum Ausdruck (Bild 60).
Bild 60
Die Voraussetzung einer Handschrift ist die physische Dimension des zerebralen Es, die das mechani-sche Prinzip der Bewegungen ermöglicht und steuert. Die Ursache für die Schreibbewegungen ist die psychische Dimension des intrazerebralen Ich, die sich im Prinzip der Entscheidung und in der Absicht etwas schreiben zu wollen äußert. In den Ausdrucksbewegungen des Schreibens verwirklicht sich das formbildende Prinzip der Gestaltung von Zeichen und deren Bedeutung, was ein Ausdruck der geis-tigen Dimension ist. Das Prinzip der Bindung ermöglicht das Schreiben zusammenhängender Zeichen zu Wortgebilden. Zugleich ermöglicht das Prinzip der Lösung bzw. der Ent-Bindung den Verlauf des Schreibens. Das Prinzip der Formierung von Buchstaben zu Worten, die Bindung der Worte an Be-deutung durch Erfahrung und die Bindung der Worte zu Satzgebilden ermöglicht den Ausdruck von Gedanken. Diesen Zusammenhang betreffend kommt es jedoch nicht darauf an, was geschrieben wird, sondern darauf, wie sich der Vorgang des Schreibens, also die Dynamik der Bewegungen ver-wirklicht hat. Das gilt ebenso für die Ausdrucksbewegungen des intrazerebralen Ich in einer gegen-standsfreien Zeichnung.
Wie sich ein Bewegungsausdruck beim Schreiben oder Zeichnen verwirklicht, ist das Resultat zere-braler Effekte, die eine Ausdruckshandlung modellieren. Daran sind unbewusste Aspekte der psychischen und geistigen Dimension des zerebralen Es beteiligt, die vom intrazerebralen Ich mehr oder weniger kontrolliert und beeinflusst werden. Man kann sagen, dass es kaum formierende Ein-flüsse auf die Bewegungsdynamik beim Schreiben gibt und das trifft auch auf das gegenstandsfreie Zeichnen zu. Weil das zerebrale Ich beim Schreiben oder gegenstandsfreien Zeichnen, die unbewuss-te Wirkung des zerebralen Es auf den Prozess der Ausdruckshandlung nicht kennt und sich dessen nicht bewusst ist, gibt es keine Trennung zwischen dem der handelt und der Art und Weise wie ge-handelt wurde. Unbewusste Einflüsse wirken sich formend auf die Ausdruckshandlungen aus, die sich sowohl beim Schreiben wie beim Zeichnen in Form gegenstandsfreier Linien zeigen. Wegen dieser nicht bewussten Komplexität des Ausdrucks zeigt jede Handschrift ihr eigenes Schriftbild (Bild 61).
Bild 61
Handschriften können sich zwar ähnlich, aber niemals identisch sein. Wenn Sie heute einen Brief schreiben, können Sie am nächsten Tag denselben Brief nicht mehr auf genau dieselbe Weise schrei-ben. Ich meine, wie Sie geschrieben haben nicht was. Es geht nicht. Niemals. Ich habe in einem Ver-such siebzehn Studierende das Wort Schriftraum schreiben lassen und diese siebzehn Worte auf die gleiche Breite gesetzt, damit man die Schriftbilder besser miteinander vergleichen kann (Bild 62).
Bild 62
Wie zweifelsfrei zu sehen ist, wurde siebzehnmal dasselbe geschrieben. Eindeutig zu sehen ist aber auch, dass siebzehn verschiedene Schriftbilder entstanden sind. Das Was ist jedes Mal dasselbe, aber das Wie unterscheidet sich aufgrund der unterschiedlichen intrazerebralen Effekte, die sich während des Schreibens auf den Bewegungsausdruck des Beteiligten ausgewirkt haben. Auch der Ausdruck beim gegenstandsfreien Zeichnen und die Gestalt der Linien lässt sich auf diesen Zusammenhang zurückführen. Im Unterschied zum Schreiben, bei dem die Gestaltbildung der Linienspur den Regeln einer alphabetischen Zeichenbildung folgt, entsteht beim Zeichnen eine Liniengestalt, die man kei-nem begrifflichen Ausdruck zuordnen und mit keinen Objekten in Verbindung bringen kann. Ge-schriebene Worten ermöglichen einen Hinweis auf Objekte der physischen Erfahrungswelt, die etwas bedeuten. Gegenstandsfreie Zeichnungen sind bedeutungsfreie Wirkungen, die über das unbewusste Empfinden die psychische und geistige Dimension des intrazerebralen Ich affizieren.
Wenn man eine Linie zeichnet, kann man sehen, wie sie entsteht und zugleich spüren, wie sich die Hand bewegt. Sehen und Empfinden ereignen sich gleichzeitig, wobei das Empfinden weitgehend un-bewusst ist, weil die ihm zugrunde liegenden visuellen, taktilen und motorischen Einflüsse kaum wahrgenommen werden. Verallgemeinert kann man deshalb sagen: gegenstandsfreie Zeichnungen sind ein Ausdruck der geistigen Dimension des intrazerebralen Ich, die sich in Korrespondenz mit dem zerebralen Es physisch verwirklichen. Doch obwohl es ohne die physische Dimension keinen Aus-druck gibt, bedeutet das nicht, dass die Ausdruckshandlungen beim Schreiben oder Zeichnen das Resultat eines physischen Gehirns wären. Es ist nicht das Gehirn, das schreibt oder zeichnet. Es ist das intrazerebrale Ich des zerebralen Es, das sich für das Schreiben oder Zeichnen entscheidet. Henry Miller hat in einem seiner Romane geschrieben: „Eine Linie ziehen erheischt die Totalität des Seins, des Willens und der Einbildungskraft. Die Kenntnis der Beschaffenheit einer Linie ist eine metaphy-sische Übung, die man bis in alle Ewigkeit anstellen könnte.“
Wenn sich ein imaginärer Punkt in Bewegung setzt, entsteht eine lineare Bewegungsspur im Flächen-raum. Eine solche Spur kann ein gerader oder gekrümmter Strich sein, der relational zum wahrneh-menden Beobachter grundsätzlich durch eine vorwärtsstrebende Bewegung entsteht (Bild 63).
Bild 63
Man kann sich eine Linie als ein eindimensional zusammenhängendes Gebilde aufeinander folgender Punkte ohne eine Ausdehnung nach links oder rechts vorstellen. Demzufolge ist die Linie eine mathe-matisch geometrische Idee, also ein geistiges Phänomen und keine physische Realität. Auch die einer gezeichneten Linie zugrunde liegende Bewegung ist ein geistiges Prinzip, das sich im Kontext einer psychischen und physischen Dimension und deren Prinzipien verwirklicht. Dabei kommen Aus-drucksbewegungen zustande, die mit einem Eindruck verbunden sind (Bild 64).
Bild 64
Die komplementäre Interaktion von Ausdruck und Eindruck macht es im Hinblick auf die psychische und geistige Dimension einer Zeichnung erforderlich, gegenständliche Formungslinien von gegen-standsfreien Ausdruckslinien zu unterscheiden. Dieser Unterschied betrifft die Freiheitsgrade, die sich in mehr oder weniger eingeschränkten bis uneingeschränkten Ausdruckshandlungen zeigen. Ge-genständliche Formungslinien haben wegen ihrer Darstellungsfunktion weniger Freiheitsgrade als Ausdruckslinien, weil diese nicht durch das Abbilden gegenständlicher Objekte eingeschränkt und deshalb vom Aussehen gegenständlicher Objekte unbeeinflusst sind. Mit Formungslinien zeichnet man etwas, das man kennt. Dann sind die Linien zweckgebunden und das bedeutet, dass ihnen beim Zeichnen eine Absicht zugrunde gelegen hat. Wenn man mit der Absicht zeichnet, etwas abzubilden, sollte die Zeichnung die Realität des Objekts darstellen. Dann wird das abgebildete Objekt zen-tralperspektivisch korrekt dargestellt oder nicht. Die meisten Menschen zeichnen, wenn überhaupt, ohne Zentralperspektive; man hat es in der Schule gelernt und dann wieder vergessen. In jedem Fall ist in einer gegenständlichen Zeichnung eine Darstellungsabsicht zu erkennen, wie diese beiden Bei-spiele, eine Aktstudie und eine Zeichnung aus der Psychiatrie zeigen (Bilder 65 und 66).
Bild 65
Bild 66
Das Gegenteil einer gegenständlichen Zeichnung mit Formungslinien in der die äußere Form eines Objekts abgebildet wird, sind Zeichnungen, die aus gegenstandsfreien Ausdruckslinien bestehen. Im Vergleich mit gegenständlichen Formungslinien haben gegenstandsfreie Ausdruckslinien mehr Frei-heitsgrade, weil das Zeichnen frei von einer Beziehung zu einem Objekt ist. Dadurch kann etwas zum Ausdruck gelangen, was es nicht gibt, weil es physisch nicht existiert. Wenn sich aber beim gegen-standslosen Zeichnen etwas äußert, das es nicht gibt, dann haben die Linien keine abbildende Funk-tion, sondern eine Ausdrucksfunktion. In diesen beiden Zeichnungen habe ich Formungslinien im Stil von Picasso (Bild 67) einem Bild mit Ausdruckslinien gegenübergestellt (Bild 68).
Bild 67
Bild 68
Was ist zu sehen, wenn nichts abgebildet worden ist? Etwas, das sich nicht benennen lässt. Wenn aber außer Ausdruckslinien nicht Benennbares zu sehen ist, wenn also anders gesagt, das Sichtbare etwas ist, das nichts darstellt, was man kennen und benennen könnte, bleibt nur die Wirkung übrig. Eine ge-genstandsfreie Zeichnung ist also ein Einfluss, dessen Wirkung sich auf die psychische und die geis-tige Dimension auswirkt. Wie wirksam dieser Einfluss ist, hängt einerseits vom Bild und andererseits vom Betrachter ab. Auf jeden Fall kommt die Wirkung durch teils bewusste, teils nicht bewusste Aspekte der psychischen und geistigen Dimension zustande, die über das intrazerebrale Ich ideody-namisch zum Ausdruck gebracht worden sind.