Die geistige Dimension des zerebralen Es

Wenn man das Geistige mit etwas in Zusammenhang bringt das man kennt, ist es nicht das Geistige, denn das Geistige ist nichts, das man kennen und benennen könnte. Deshalb lässt es sich auch nicht beobachten oder beweisen. Man könnte sagen, es ist das zwischen den Dingen seiende, in relatio-nalen Beziehungen befindliche und indirekt über Wirkungen erfahrbare. In jedem Fall ist es das nicht Benennbare. Das nicht Benennbare ist außerhalb des gegenständlich Beobachtbaren und es ist auch jenseits intrazerebraler Effekte wie Gefühle, Gedanken, Vorstellungen und dergleichen. Wenn ich nun sage, das Geistige ist dennoch in allem, was der Fall ist, dann meine ich damit, dass die gegenstands-freie Wirklichkeit der geistigen Dimension, sogar ein Aspekt physischer Elementarstrukturen ist. Will man das zumindest hypothetisch in Betracht ziehen, muss man sich jedoch von der Vorstellung lösen, dass das Geistige ein Attribut des Menschen wäre, woraus sich die Folgerung ergeben würde, dass das Geistige ein instantaner Aspekt der Welt ist. Geht man davon aus, dass Quantenzustände und Felder keine zentralperspektivisch beobachtbaren, gegenständliche Objekte, sondern gegenstands-freie Zustandsräume sind, dann wirkt sich die geistige Dimension in allem aus, was der Fall ist.

Man kann sich das Geistige nicht vorstellen, weil ihm nichts anhaftet, das vorstellbar wäre. Diese Definition verliert etwas von ihrer Seltsamkeit, wenn man sich vergegenwärtigt, dass wir vollkommen selbstverständlich im Geistigen leben, ohne es zu bemerken, weil es sich nicht sensorisch zeigt. Ma-thematische Sätze, Gleichungen, Algorithmen, Farbkompositionen oder Gedichte, sind ein Ausdruck der geistigen Dimension. Das trifft auch auf die Konstruktion von Waffen zu und ebenso auf die Konfiguration von Atomen, Molekülen und so fort. Das Geistige entspricht einer gegenstandsfreien Leere. Doch diese Leere ist nicht nichts. Wie der Flächenraum bei einem leeren Blatt Papier aufgrund seiner Leere jede vorstellbare Zeichnung ermöglicht, die Zeichnung selbst jedoch weder der Flächenraum noch nicht die Leere, sondern die Beziehung zwischen allem ist, wie man über gegenstandsfreie Beziehungen zwischen sechsundzwanzig Buchstaben Worte bilden und in den Beziehungen der Worte zu Sätzen jeden denkbaren Gedanken zum Ausdruck bringen kann, wobei der Ausdruck selbst weder die Worte noch die Buchstaben, sondern ein gegenstandsfreier Zustandsraum einer Wahrnehmung ist, so ist die Leere in den Phänomenen der belebten und der unbelebten Welt ein gegenstandsfreier Zustandsraum und somit das Geistige in den gegenständlichen Erscheinungen. Das ist keineswegs seltsam, wenn man weiß, dass Materie nicht gegenständlich, sondern gegen-standsfrei existiert und dieses objektfreie Existieren nur über die Wirkungen von Wechselwirkungen und Interaktionen im Bereich des sichtbar Gegenständlichen beobachtbar ist.

Das real sichtbare, sozusagen objektiv vorhandene, löst sich bei näherer Betrachtung in ein hochener-getisches, gegenstandsfreies Wirkungsfeld der instantanen Einheit einer physischen, psychischen und geistigen Dimension auf. Dies ist bemerkenswert, weil da, wo zum Beispiel ein gegenständlich und materiell gedachtes Objekt in Gestalt einer japanischen Teeschale zu sehen ist, nichts außer einem gegenstandsfreien Wirkungsfeld existiert, dessen Form ein geistiges Muster von Beziehungen ist (Bild 42).

Eine gegenstandsfreie Realität

Bild 42

 Jetzt werde Ich die gegenstandslose Welt, wie sie von Kasimir Malewitsch und Wassily Kandinsky sowie von anderen verstanden wurde und wie ich sie verstehe, mit dem Modell der drei Dimensionen in Zusammenhang bringen. In diesem Kontext bezeichne ich mit dem Wort „Dimension“ die Freiheits-grade des Ausdrucks und das bedeutet, dass sich die drei Dimensionen auf das zerebrale Ich und seine unterschiedlichen Freiheitsgrade beziehen. Sie verwirklichen und zeigen sich entweder gegenständ-lich und auf Objekte bezogen, oder sie treten als gegenstandsfreier Ausdruck des Empfindens im Zu-standsraum in Erscheinung. Auf die bildende Kunst übertragen bedeutet es, dass sich im gegenständ-lichen Bild weniger Freiheitsgrade der geistigen Dimension verwirklichen können als in einem gegen-standsfreien Bild.

In diesem gegenständlich naturalistischen Bild einer Zeichenstudie aus der Kunstakademie aus dem 19. Jhd. (Bild 43) waren mögliche psychische und geistige Freiheitsgrade deutlich eingeschränkt, weil die Handlungen einem Ziel und der Absicht untergeordnet waren, ein Objekt abzubilden und dabei eine möglichst realitätsgetreue Abbildung zu erreichen.

Bild 43

Bild 44

In dieser surrealen Abstraktion (Bild 44) sind mehr Freiheitsgrade zum Ausdruck gekommen. Die phy-sische Dimension in Form einer Bindung an eine gegenständliche Gestalt wurde von den Effekten der psychischen Dimension überlagert. Vergleicht man beide Beispiele, dann waren die Ausdruckshand-lungen des zerebralen Ich im ersten Beispiel von seiner geistigen und psychischen Dimension sehr viel weiter entfernt als im zweiten Beispiel. Im dritten Bild einer gegenstandsfreien Collage (Bild 45) ist eine ganz andere Situation der möglichen Freiheitsgrade zu sehen; jedes visuelle Element könnte sich an jedem Ort im Zustandsraum befinden.


Bild 45

In dieser gegenstandsfreien Komposition (Bild 45) sind drei visuelle Elemente zueinander in Bezie-hung gesetzt worden. Diese Konfiguration bildet keine gegenständlichen Objekte ab; weder realis-tisch noch surreal oder abstrahiert. Deshalb sind in dieser Collage die meisten Freiheitsgrade der geistigen Dimension zum Ausdruck gekommen. Die Korrespondenz zwischen dem zerebralem Es und dessen intrazerebrale Interaktionen mit dem zerebralen Ich sind die Voraussetzung für eine Phäno-menologie des Ausdrucks geistiger Attribute im gegenstandsfreien Bild. Deine solche ästhetische Logik ungegenständlicher Relationen ist kein Ausdruck von Gefühlen oder Gedanken. In ihr vermittelt und zeigt sich die Konsonanz der Lösung einer visuellen Gleichung, die ein Prozess der geistigen Dimension ist.


Bild 46

Die physische Dimension ist die Voraussetzung, die geistige Dimension, die Ursache für das Geistige in der Kunst, im Menschen und in der Welt sind. Das begriffliche Benennen einzelner Teile macht aus dynamischen Prozessen gegenständliche Objekte, die sich quantitativ bestimmen und physikalisch erklären lassen. Aber dieses Reduzieren auf das scheinbar Ursächliche, das zu immer kleineren und kleinsten Teilen bis zu den Elementarteilchen führt, hat im Licht der Quantenphysik schon längst ihre gegenständliche Verdinglichung verloren und sich in Felder und Energie aufgelöst, deren Wirkungen in Gleichungen und Mustern von Beziehungen beschrieben werden. Dieses Prinzip lässt sich an einer auf wenige Elemente reduzierten, gegenstandsfreien Collage darstellen (Bild 47).


Bild 47

Der physische Flächenraum (A) sei als eingegenstandsfreier Ereignis- bzw. Handlungsraumdefiniert, in dem sich fünf physische Teile (1, 2, 3, 4, 5) befinden.  Jedes Teil hat eine ihm eigene, gegenstands-freie Wirkung. Es sind sozusagen Wirkungselemente. Alle diese Elemente sind zufällig im Ereignis-raum verteilt. Jedes Teil ist in seiner physischen Dimension quantitativ und geometrisch bestimmbar. Worauf es jetzt ankommt ist zu erkennen, dass die physische Realität der einzelnen Teile, die Vor-aussetzung dafür gewesen ist, dass sie von der geistigen Dimension des zerebralen Ich zu einer kon-gruenten visuellen Gestalt modelliert werden konnten und modelliert worden sind (Bild 48).


Bild 48

Der unbeabsichtigte physische Zustand der Teile im Ereignisfeld war die Voraussetzung für eine Ge-stalt bildende Modellierung des zerebralen Es durch die geistige Dimension des zerebralen Ich. Vor dieser Modellierung waren die Formen und Strukturen der Teile beziehungslose Quantitäten in einem begrenzten Ereignisfeld, deren mögliche Verortungen und visuelle Beziehungen sich in einem Zu-stand der Überlagerung aller Konfigurations-Möglichkeiten befunden haben. An diesem Zustand würde sich ohne eine Absicht und dem Willen zu einer Kohärenz bildenden Konfiguration durch den geistigen Aspekt des zerebralen Ich und einer damit verbundenen Entscheidungsfreiheit nichts geändert haben. Diesbezüglich weise ich noch einmal darauf hin, dass diese egoge Wahlfreiheit ein Ausdruck der drei instantanen Dimensionen des zerebralen Es und nicht des physischen Gehirns ist.

Ein zufälliger visueller Grundzustand im Ereignisfeld ist für das zerebrale Es mit dem geringsten Auf-wand an Energie verbunden. Wenn aber das physische Gehirn die primordiale und einzige Instanz von gestaltenden Handlungen ist, wodurch und wie kommt dann die Absicht zustande, etwas gestaltend zu verwirklichen? Ohne Einfluss und einer damit verbundenen Wirkung durch eine modellierende Handlung ereignet sich nichts und ohne ein qualifizierendes Wahrnehmen und einem Empfinden der Wirkung auch nicht. Beides bedarf der psychischen Dimension des zerebralen Ich und wirkt sich auf die Verortung der physischen Teile zu einer kohärenten Komposition aus.

Die Beziehungen zwischen Formen, Farben und visuellen Strukturen lassen sich nicht logisch begrün-den oder beweisen. Ein sogenannter „Beweis“ wäre lediglich die Authentizität ihrer Wirkung, der man sich bewusst zu sein hätte. Man kann auch nicht über die Wirkungen gegenstandsfreier Formen re-den, weil das Instrument des Wahrnehmens nicht die Sprache, sondern das qualifizierende Empfinden ist. Auch hier zeigt sich die instantane Koinzidenz der drei Dimensionen. Ob die im zerebralen Es an-gelegten Möglichkeiten vom Einfachen zum Komplexen, vom Gestaltlosen zum Gestalteten, vom Ein-dimensionalen zum Mehrdimensionalen in Anspruch genommen werden, hängt von den Intentionen, den Zielen und dem Wollen des zerebralen Ich ab. Dessen Freiheit des Handelns und sich Entschei-dens entfaltet sich in der Freiheit des Zulassens oder Ablehnens von Handlungsoptionen, die das ze-rebrale Es ermöglicht. Es wäre konsequent zu behaupten, dass man dem physischen Gehirn keine Freiheit des Wollens zugestehen kann, dem zerebralen Es aber schon. Was ich in diesem Zusammen-hang zu vermitteln versuche, ist eine Phänomenologie, in der das physische Gehirn als Voraussetzung für die Verwirklichung der psychischen und der geistigen Dimension zu gelten hat, aber nicht dessen Ursache ist. Man kann sagen, dass sich die geistige Dimension des transpersonalen zerebralen Es über die drei Dimensionen des personalen zerebralen Ich verwirklicht. Aber was verwirklicht sich?

Das Geistige ist nichts - it’s nothing (no thing), was man beobachten und mit physischen Mitteln nach-weisen könnte. Doch die Erfahrung des Geistigen ist ebenso evident wie die Erfahrung des Raumes, obwohl niemand Raum sehen kann. Das physische Nicht-Sehen-Können des Raumes ist die Voraus-setzung für das Erleben von Objekten im Raum. Auch am Beispiel einer Collage zeigt sich das Raum-phänomen erst in den Beziehungen zwischen den physisch vorhandenen Teilen. Die Koinzidenz von Physischem und Geistigem, von etwas und nichts ist die Voraussetzung für gestaltete Formen und deren verräumlichte Beziehung durch deren Verortung. Raum ist nicht. Raum ereignet sich. Ebenso wie man ein Quantenfeld nicht sehen, sondern nur in einem gegenständlichen Kontext beobachtbarer Wirkungen im physisch Konkreten erschließen kann, ist auch das Geistige in einem gegenstandsfrei-en Bild nichts Sichtbares, sondern muss im Kontext sensorisch wahrnehmbarer und somit physischer Phänomene erkannt werden.

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