Nichts ist von Bedeutung
Der Aspekt von Bedeutung im zerebralen Es
Die Erfahrungen der physischen Dimension sind ohne Bedeutung und diese Bedeutungsfreiheit ermöglicht es, dass man den Erscheinungen und Ereignissen Bedeutung geben kann. Jedes Lebewe-sen be-deutet die Erfahrungen seiner Welt auf die ihm eigene Weise. Ein Regenwurm be-deutet den Kontrast von hell und dunkel anders als eine Amsel. Damit will ich sagen, dass Bedeutung nicht un-edingt ein Ausdruck von Denken und Wissen ist. In der physischen Dimension des Lebens ergibt sich die Bedeutung beobachteter und erlebter sinnlicher Erfahrungen durch die Erfahrungen physisch überleben zu wollen. Beim Menschen ist das etwas komplexer und komplizierter, weil er denkt, fanta-sieren und sich erinnern kann. Vor allem Erinnerungen sind am be-deuten von Beobachtungen und Erfahrungen maßgeblich beteiligt. Sie können diesen Zusammenhang erfahren, wenn Sie zum Beispiel Ihre Reaktionen bei einem gegenständlichen Bild mit den Reaktionen bei einem gegenstandsfreien Bild vergleichen. Bei einem gegenständlichen Bild können Sie problemlos dessen Bedeutung, bzw. ein Gefühl von Bedeutung erfahren. Unabhängig davon, wie professionell (Bild 49) oder laienhaft (Bild 50) es gezeichnet oder gemalt ist, lässt sich eine Bedeutung erkennen, weil das Bild etwas darstellt, das Sie zu Ihren Erfahrungen in Beziehung setzen und benennen können.
Bild 49
Bild 50
Im Vergleich mit einem gegenständlichen Bild ist ein gegenstandsfreies Bild (Bild 51) ohne Bedeu-tung. Diese Bedeutungsfreiheit führt Sie in einen nicht definierten Zustandsraum des Erlebens, weil Sie das, was Sie sehen, nicht unmittelbar zu Ihren Erfahrungen der gegenständlichen Welt benenn-barer Objekte in Beziehung setzen können. An die Stelle benennbarer gegenständlicher Bildinhalte treten nicht benennbare Wirkungen, die den Betrachtenden mit sich selbst konfrontieren.
Bild 51
Es ist schwierig und nahezu unmöglich, ohne Bedeutung zu leben. Deshalb ist eine absurde Bedeu-tung besser als keine. Es gibt keine Bedeutung ohne Sinn und es gibt keinen Sinn ohne Bedeutung. Be-deutung ist das Licht, das man benötigt, um die Bedeutungslosigkeit der physischen Welt zu erhellen. Ist das Licht nicht hell genug, verschwimmen die Konturen des Sinns. Man kann diesen Zusammen-hang im Umgang mit einem gegenstandsfreien Bild erfahren. Was soll es bedeuten? Hier zeigt sich ein beinahe zwanghaftes Bedürfnis, dem anscheinend bedeutungslosen Bedeutung zu geben, indem man es mit den Erfahrungen der physischen Welt oder mit psychischen Aspekten von Erlebten in Bezie-hung setzt, um es zu verstehen. Verstehen bedeutet im Allgemeinen, das nicht bekannte mit etwas, das man kennt, in Beziehung zu setzen.
Diesen Zusammenhang hat sich der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach zunutze gemacht, in-dem er einen Test entwickelt hat, der als Rorschachtest bekannt geworden ist, inzwischen aber kaum noch angewendet wird. Der Test bestand aus gegenstandsfreien Bildern, denen keine Gestaltungs-handlung und auch kein zerebraler Ich-Ausdruck zugrunde gelegen hatte. Wenn man farbige Tinte auf ein in der Mitte gefaltetes Blatt Papier tropfen lässt, die beiden Hälften zusammenklappt und ver-reibt, entsteht ein mehr oder weniger zufälliges symmetrisches Muster ohne Bedeutung, das aber auf denjenigen, der es anschaut, eine gewisse suggestive Wirkung hat oder haben kann (Bild 52). Ror-schach zufolge würden unbewusste psychische Inhalte zum Ausdruck gelangen, wenn man das Bild betrachtet und sagt, was man zu sehen meint. Dieser Test motiviert zu einem be-deuten bedeutungs-freier Strukturen, indem das zerebrale Ich dazu angeregt wird, dem Bild eine Bedeutung zu geben, die ihm vom zerebralen Es suggeriert wird.
Bild 52
Nichts bedeutet etwas, solange man es nicht. be-deutet hat. Nur dann, wenn etwas sensorisch beob-achtbar ist und vom Ich wahrgenommen wird, kommt durch die Aktivierung der psychischen und geis-tigen Dimension Bedeutung ins Spiel. Aber eine Wahrnehmung, die nicht be-deutet wird, ist keines-wegs bedeutungslos und unbedeutend, sondern lediglich un-bedeutet. Doch das Un-bedeutete kann manchmal bedeutsamer sein als das Bedeutete. Nicht immer ist Bedeutung auch bedeutsam und es scheint in der gegenstandsfreien Kunst mehr intellektuell be-deutete als geistig bedeutende Bilder zu geben. Wenn man unter Bedeutung das Erkennen-Können von benennbaren gegenständlichen Ob-jekten der sensorisch erfahrbaren Welt versteht, dann bedeutet diese Zeichnung (Bild 53) nichts.
Bild 53
Doch obwohl das Bild nichts bedeutet – und gerade deshalb - rückt etwas anderes in den Vorder-grund der Wahrnehmung: nämlich die Wirkung. Deshalb kann man sagen, die Bedeutung dieser Zeichnung ist die Bedeutungsfreiheit seiner Wirkung. Eine Wirkung bedeutet nichts, sie ereignet sich. Auch Quanten sind ohne Bedeutung; man kann nur in einem definierten Kontext deren beobachtbare Wirkung auf etwas, das man kennt, beschreiben. Der Kontext dieser Zeichnung ist die physische Di-mension ihrer sensorischen Einflüsse und die Wirkung dieser Einflüsse auf die Wahrnehmung, das Empfinden und Erleben. Das ist mit unterschwelligen affektiven Reaktionen verbunden, die Effekte der psychischen Dimension sind.
Die Wirkung eines gegenstandsfreien Bildes animiert das Wahrnehmen einer geistigen Welt jenseits der Sprache und des Denkens. Es ermöglicht dem zerebralen Ich eine Stimulation seiner geistigen Di-mension, im Unterschied zum Erkennen gegenständlicher Objekte der gegenständlich vertrauten, physischen Welt. Kasimir Malewitsch hat in seinem Suprematistischen Manifest in diesem Sinn von der Suprematie, also der Vorherrschaft des geistigen Empfindens gesprochen und damit einen Wan-del im Verständnis der Kunst herbeigeführt. Das scheint jedenfalls seine Intention gewesen zu sein. Bedauerlicherweise hat das nicht wirklich etwas bewirkt, weil man sein Anliegen nicht erkannte und sein Verständnis von Kunst über die Abstraktion erklärt hat, um sie rational verstehen zu können. Tatsächlich ergibt sich aber die Bedeutung gegenstandsfreier Bilder aus ihrer suggestiven Wirkung auf die psychische und geistige Dimension des zerebralen Ich. Sie ereignet sich nicht nur in der Interaktion von Mensch und Bild, sondern auch von Mensch und Welt.