Bewegung und Ausdruck

Das gegenstandsfreie ideodynamische Zeichnen

Es ist naheliegend, dass der gegenstandsfreie Ausdruck des intrazerebralen Ich damit zusammen-hängt, in welchem Zustandsraum sich dieses subzerebrale System befindet. Diesen Zustandsraum de-finiere ich als die aktuelle Interdependenz der drei Prinzipien, die in den drei instantanen Dimensi-onen wirken (Bild 69).

Bild 69

Das intrazerebrale Ich kann diesen Zustandsraum verlassen und das bedeutet, je weniger sich das Ich abgrenzt, desto unmittelbarer können Aspekte des zerebralen Es zum Ausdruck kommen. Deshalb ist es Sinn und Zweck des intrazerebralen Ich eine Art psychomentales Regelungssystem sein zu können, welches die Einflüsse des zerebralen Es auf Handlungen in der physischen Dimension regelt und ge-staltend modelliert. Dieser regulierende und gestaltende Einfluss des intrazerebralen Ich kann sich spontan, durch Konditionierung, Suggestion oder mittels geeigneter mentaler Übungen ereignen. Ich beziehe mich hier vorrangig auf gegenstandsfreie Ausdruckslinien, weil deren ideodynamische Phä-nomenologie die Voraussetzung meiner Kunst der vierten Dimension in meinen Rollbildern ist.

Die Phänomenologie der Ideomotorik oder Ideodynamik geht auf Beobachtungen des englischen Arz-tes und Physiologen William Benjamin Carpenter zurück. Er erkannte und beschrieb erstmals 1852 den Einfluss einer unbewussten mentalen Einstellung auf die Mikrobewegungen der Hand, wie sie sich zum Beispiel auch beim handschriftlichen Schreiben äußern. Bewegungen gelten als ideomo-torisch oder ideodynamisch, wenn es sich um feinmotorische Bewegungen handelt, die sich ohne ei-nen kontrollierenden und reglementierenden Einfluss des intrazerebralen Ich ereignen. Erfahrungen haben gezeigt, dass es vor allem unbewusste Gedanken und Vorstellungen, Motivationen und psy-chovegetative Zustände sind, die sich ideodynamisch auswirken, wobei sich Effekte des zerebralen Es äußern, die dem intrazerebral handelnden Ich nicht bewusst sind. Einem ideodynamischen Bewe-gungsausdruck liegt demzufolge eine Innovation auf das feinmotorische Bewegungssystem der Führungshand zugrunde. Beim gegenständlichen Zeichnen fehlt ein solcher ideomotorischer Einfluss, weil die Ausdruckshandlung aufgrund einer egozentrierten Darstellungsabsicht eines tendenziell zentralperspektivisch gedachten Objekts in ihren Freiheitsgraden eingeschränkt ist. Im Unterschied zum gegenständlichen Zeichnen, bei dem die Formungslinien von einer Objektbeziehung des Ich kontrolliert werden, fehlt beim abbildungsfreien Zeichnen eine solche Orientierung am Objekt. Die-ses Fehlen ist aber von Vorteil, wenn man unterstellt, dass sich dadurch gegenstandsfreie Effekte der psychischen und geistigen Dimension und deren Wirkungen äußern können.

Die Phänomenologie der Ideodynamik, also die unmittelbare Äußerung intrazerebraler Effekte des zerebralen Es ermöglicht ein Verständnis seltsamer Phänomene; zum Beispiel die Radiästhesie und das Pendeln, das automatische bzw. mediale Schreiben und Zeichnen und ähnliche sogenannte para-normale Erscheinungsformen, die im Licht des ideodynamischen Carpenter-Effekts Reaktionen des zerebralen Es auf unbewusste Wirkungszusammenhänge sein können. Diese keineswegs unbekann-ten Phänomene lassen sich auch auf diverse mediumistische, psychedelische, psychiatrische und pa-ranormale Ausdruckshandlungen und Erfahrungen beziehen. In diesen Fällen sind dann die ideody-namischen Ausdruckshandlungen oder Erfahrungen mit einem hypnoid veränderten Zustandsraum des intrazerebralen Ich und seiner Wahrnehmung verbunden. Das wäre als eine zerebrale Disposition zu verstehen, in der das intrazerebrale Ich seine Kontrollfunktion aufgegeben und an das zerebrale Es abgegeben hat. Das ist kein Entweder-Oder-, sondern ein fuzzy-logic-Zustand. Berücksichtigt man da-bei, dass der Ichzustand ein intrazerebrales Phänomen der physischen, psychischen und geistigen Di-mension ist, folgt daraus, dass die Ausdrucksmöglichkeiten und Freiheitsgrade weit über die physi-sche Dimension des Gehirns hinaus in eine Metadimension des zerebralen Es hineinreichen (Bild 70).


Bild 70

Drei sehr unterschiedliche Beispiele mediumistischen Schreibens im hypnoiden Zustand sollen an-satzweise einen Eindruck von den Erscheinungsformen ideodynamischer Ausdruckslinien veran-schaulichen (Bilder 71 bis 73).

Bild 71

Bild 72

Bild 73

Zweifelsfrei ist in diesen Schriftbildern etwas zum Ausdruck gebracht worden. Aber was? Diese Frage kann man sich auch bei diesen drei medialen Zeichnungen stellen (Bilder 74 bis 76).

Bild 74

Bild 75

Bild 76

Ich bin mir dessen sicher, dass es ohne die drei Prinzipien Bewegung, Formierung, Bindung und den drei Dimensionen des zerebralen Es keine dieser medialen Zeichnungen geben würde. Weiter ge-dacht muss man sich aber auch eingestehen, dass die neuronale Tätigkeit der physischen Dimension, also des Gehirns, die Voraussetzung, aber keinesfalls die Ursache für solche ideodynamischen Zeich-nungen gewesen ist, die in einem hypnoiden Zustandsraum entstanden sind. Weil mir dieser Zusam-menhang für das Verständnis meiner gegenstandsfreien Rollbilder wesentlich zu sein scheint, möchte ich diesen phänomenologischen Unterschied zwischen Voraussetzung und Ursache noch mit einem sehr anschaulichen Beispiel verdeutlichen. Das Schichten von Steinen war die Voraussetzung, aber si-cherlich nicht die Ursache für diesen Steinkreis (Bild 77). Ebenso sind die mit grammatischen Regeln strukturierten Worte und Sätze keinesfalls die Ursache, wohl aber die Voraussetzung für den Sinn vermittelnden Text dieses Haiku (Bild 78). Das trifft auch auf die Collage zu, deren drei formale Ele-mente eine Voraussetzung, jedoch nicht die Ursache ihrer kohärenten Einheit sind (Bild 79).

Bild 77

Bild 78

Bild 79

Aufgrund meiner Erfahrungen mit ideodynamischen Ausdruckshandlungen gehe ich über Carpenter hinaus und unterstelle dem intrazerebralen Ich auch ein ideosensorisches Wahrnehmen und Emp-finden beim gegenstandsfreien Zeichnen. Daraus ergibt sich eine dynamische Rückkoppelung, indem die unbewusste Ideosensorik, die ebenso unbewusste Ideodynamik in jedem Moment der Ausdrucks-handlung modellierend beeinflusst.

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