Planender Geist oder zufällige Entwicklung
Das physische Gehirn des zerebralen Es
Es ist zweifellos eine Tatsache, dass wir uns ohne Gehirn nicht wesentlich von anderen hirnlosen Le-bewesen unterscheiden würden. Das Leben als solches benötigt kein Gehirn, wie man anhand von Pflanzen, Pilzen, Bakterien, Nesseltieren usw. erkennen kann. Würde die terrestrische Intention nur darin bestanden haben, aus anorganischer Materie zufällige organische Strukturen zu bilden, hätte sie im Lebensstadium des Planktons verbleiben können. Es ist nicht einzusehen, warum sich das Leben über den Zustand des Planktons hinaus entwickelt haben sollte, um Lebewesen zu bilden, die sich von selbst bewegen und zueinander in Beziehung setzen können. Von unten her nach oben zu gedacht, ist das nicht zu verstehen. Wenn aber die Realität eine Verwirklichung des Geistigen und das Geistige eine Zustandsüberlagerung aller nicht realisierten aber realisierbaren Möglichkeiten ist, dann ver-wirklichen sich in einer zunehmenden physischen Komplexifizierung elementarer Strukturen kohä-rente Phänomene, die mehr sind als eine Ansammlung elementarer Teile.
Vom ursprünglich im hirnlosen Zustand von äußeren Umständen bewegt zu werden bis zu einer Exis-tenz mit Gehirn hat ein Entwicklungsprozess stattgefunden, von dem die Wissenschaft meint, er wür-de sich ausschließlich zufällig ereignet haben. Von Zufall spricht man, wenn man für ein oder mehrere Ereignisse keine kausalen Zusammenhänge erkennen kann. Diese in Zusammenhang mit den schöpfe-rischen Lebensprozessen erbärmliche Idee des Zufalls besteht in der Annahme, etwas würde so sein wie es geworden ist, weil es vorher etwas gab, das aufgrund seiner Bedingungen die Ursache für das Nachfolgende gewesen sein würde. Das Alte wäre demzufolge immer die Voraussetzung für das Neue. Man mag es nicht für möglich halten, aber dieses eingeschränkte Weltbild ist die Grundlage für wissenschaftliche Modelle.
Ohne Gehirn, das wollen und entscheiden, das qualifizierend unterscheiden und das Wahrgenom-mene vergleichend empfinden kann, ist Gestaltung nicht möglich. Das ist eine Behauptung. Sie kön-nen selbst prüfen, ob sie realitätsrelevant ist. Dazu benötigen Sie nur ein Minimum an anschaulicher Logik. Betrachten Sie diese Fotografie (Bild 27) und stellen Sie sich folgende Fragen:
Bild 27
Ist dieses Steingebilde zufällig entstanden, ohne finale Absicht und Planung, ohne ein Wollen, die Stei-ne so auszurichten, dass sie sich im Gleichgewicht befinden, um diese Konfiguration zu ermöglichen? Sehen Sie in dieser Gestalt den Ausdruck einer geistlosen Entwicklung oder den eines planenden Geistes? Wie könnte man sich dessen sicher sein, dass die diese Gestalt ermöglichenden Handlungen von einem Gehirn koordiniert worden sind, welches die Steine wählen und im Kontext einer kohärenten Vorstellung zueinander in Beziehung setzen konnte? Würden Sie sagen, dass es von ei-nem Gehirn gewollt war, diese Steinfigur zu bauen und dass es sich dem hätte verweigern können? Damit will ich anzudeuten, wie fanatisch man sein muss, um den Unsinn verbreiten zu können, der Mensch würde sich bei seinen Handlungen grundsätzlich nicht frei entscheiden können.
Aufgrund von Erfahrungen weiß ich, dass keine Komposition zufällig aufgrund von Effekten neuro-naler Algorithmen entsteht. Ich habe die Ausdruckshandlungen meiner gegenstandsfreien Zeichnun-gen und Rollbilder daraufhin analysiert und dabei erkannt: ohne eine zerebrale Instanz, die wir Ich nennen, eine Instanz, die wollen und entscheiden, die qualifizierend unterscheiden und das Wahr-genommene vergleichend zu empfinden vermag, ist Gestaltung nicht möglich. Es gibt keine schöp-ferische Leistung ohne eine Entscheidungsfreiheit des Handelns, die das Gehirn ermöglicht. Dieser indische, aus dem Felsen herausgeschlagene Tempel, ist dafür ein Beispiel (Bild 28).
Bild 28
Aber warum sollte das Gehirn ein Interesse daran haben, schöpferisch zu sein? Die Frage ist ver-gleichbar mit der von vorhin, warum sich Lebewesen autonom fortbewegen sollten? Das Plankton lebt immer noch, obwohl es sich nur von der Strömung treiben lässt uns nicht von selbst bewegt. Auch Lebewesen mit einem nur rudimentär entwickelten Gehirn gibt es zur Genüge. Wozu also der zerebrale Aufwand? Offenbar muss man seine Vorstellung vom Sinn und Nutzen des Gehirns ändern, wenn man das verstehen will.
Das Wort „Gehirn“ verweist auf ein einzelnes, einem Individuum zugehöriges Organ, das neben vielen anderen Individuen mit gleichartigen Organen existiert. Man ist es gewohnt, das Gehirn isoliert zu sehen, woraus sich die Vorstellung entwickelt, dass sich „mein“ Gehirn von „deinem“ Gehirn und den Gehirnen aller anderen unterscheiden würde. Ich sehe ein anderes Bild. Ich sehe ein terrestrisches System, das sich eine zerebrale Struktur geschaffen hat, die aus drei Dimensionen besteht. In diesem Bild sind alle Gehirne ein Ausdruck der physischen, psychischen und der geistigen Dimension (Bilder 29) und ich verstehe diese terrestrische zerebrale Struktur als ein interaktives Netzwerk der Gehirne aller Individuen. Diese zerebrale Union ist eine instantane Koinzidenz der physischen, psychischen und der geistigen Dimension, dir ich zerebrales Es nenne.
Bild 29
Das zerebrale Es ist eine instantane Einheit und Ganzheit von drei Dimensionen. Damit soll gesagt sein: Das Gehirn würde als die physische Dimension des zerebralen Es zu verstehen sein. Es wäre die Voraussetzung aber nicht die Ursache für psychische und geistige Phänomene und auch des Ich. Das hat Konsequenzen. Wenn man nämlich das Gehirn ausschließlich als ein physisches Phänomen ver-steht, wird man dessen Äußerungen ausschließlich im Kontext materieller Modelle interpretieren. Dann untersucht man seine Moleküle, die Neuronen und Synapsen, seine Chemie und beobachtet physikalisch messbaren Reaktionen. Diese physische Existenz, die man zerschneiden und mit Chemie verändern kann, also das materielle Gehirn, ist die physische Dimension des zerebralen Es. Nun kommt es darauf an, diesen physischen Aspekt versuchsweise als eine Dimension des zerebralen Es begreifen zu können, das aus zwei weiteren Dimensionen besteht (Bild 30).
Bild 30
Die Gesamtheit aller zerebralen Funktionen des physischen Gehirns und deren intrazerebrale Ver-netzungen ermöglicht die Verwirklichung der bewussten und unbewussten Phänomene der psychi-schen Dimension in Form von Verhalten, Empfinden und Erleben im Raum-Zeit-Kontext. Die psychische Dimension des zerebralen Es verwirklicht sich in Interaktionen mit der physischen, psy-chischen und der geistigen Dimension der Welt und in Interaktionen mit dem zerebralen Es anderer Lebewesen. Damit ist angedeutet, dass den drei Dimensionen des zerebralen Es drei Dimensionen der Welt analog sind.
Dem zufolge ist die psychische Dimension kein Produkt des physischen Gehirns; das Psychische ko-existiert in seiner ganzen Komplexität möglicher Erscheinungsformen instantan, also nicht chronolo-gisch, kausal, sondern augenblicklich und unmittelbar gleichzeitig mit der physischen und der geisti-gen Dimension als ein Aspekt der Welt. Diesbezüglich hätte man sich von der konditionierten Mei-nung zu befreien, dass psychische Phänomene ein menschlicher Zustand und somit ausschließlich persönlicher Eigenschaften des Denkens, Gefühlen und Motiven des Handelns sein würden.
In meinem Modell der drei Dimensionen des zerebralen Es und der Welt ist das Psychische mit dem Physischen verschränkt. Mit „Verschränkung“ bezeichne ich in diesem Zusammenhang einen Zustand, in dem physische und psychische Erscheinungen kausalfrei und nicht chronologisch bedingt in ihren qualitativen und strukturellen Attributen übereinstimmen. Dies entspricht einem Tertium compera-tionis, in dem Physisches und Psychisches durch mindestens ein oder mehrere Attribute verschränkt sind. Diesem Modell der triadischen Dimensionen zufolge ist eine Trennung des Physischen vom Psy-chischen lediglich fiktiv und deshalb keinesfalls der Fall.
Die dritte Dimension der Welt und des zerebralen Es ist die geistige Dimension. Man kann das Geis-tige nicht messen oder beobachten, weil es das Messen und Beobachten ist und sich in Beziehung zur beobachtbaren und beobachteten Realität der physischen Dimension zum Ausdruck bringt. Ebenso wie sich Quantenphänomene nur über ihre Wechselwirkungen beobachten lassen, als eigenständiges Phänomen jedoch gegenstandsfrei und deshalb unsichtbar sind, und ebenso wie Raum und Zeit nur relational im Kontext eines Systems zu einem Phänomen der Erfahrung abstrahiert werden, als unabhängige und eigenständige Existenz aber nicht vorhanden sind, ist auch das Geistige nur relatio-nal in einem Kontext vorhanden. Das lässt sich mit einem einfachen Beispiel veranschaulichen, in dem man einen Quantitätsaspekt vom Qualitätsaspekt unterscheidet (Bild 31).
Bild 31
In jedem dieser vier Bilder A, B, C und D sind vier Punkte zu sehen. Die Quantität der Punkte ist also in jedem Bild dieselbe. Das heißt, dass sich der quantitative Aspekt in diesen vier Bildern nicht vonein-ander unterscheidet; die Quantität der Elemente ist in A ist dieselbe wie in B, C und D. Die Quantität 4 ist eine abstrahierte Generalisierung, die auf alle quantifizierbaren Erscheinungsformen zutrifft. Zwischen vier Buchstaben, vier Farben oder vier Signaturen gibt es keinen quantitativen Unterschied. Die Unterschiede sind qualitativ und ergeben sich aus den wahrnehmenden Empfindungen von Re-lation und Beziehung (Bilder 32 bis 34).
Bild 32
Bild 33
Bild 34
In der Phänomenologie von Quantität und Qualität, in der kognitiven Abstraktion der Zahl und im empfindenden Wahrnehmen relationaler Beziehungen offenbart sich die geistige Dimension, woraus folgt, dass die physische Dimension die Voraussetzung, aber nicht die Ursache für den Ausdruck geistiger Phänomene ist. Das zeigt sich in folgendem Beispiel noch deutlicher (Bild 35):
Bild 35
Sie sehen fünf Zeichen. Jedes Zeichen hat die gleichen physischen Voraussetzungen. Obwohl es zwi-schen diesen Zeichen keine physischen Unterschiede in den Elementarstrukturen gibt, sehen Sie fünf verschiedene Gestalten. In jeder dieser Zeichengestalten zeigen sich andere relationale Beziehungen formaler Elemente. Das ist kein physisches, sondern ein geistiges Phänomen. Die geistige Dimension tritt noch deutlicher in Erscheinung, wenn Sie wissen, dass jedes dieser fünf Zeichen horizontal gespiegelte Buchstaben sind, die beide zusammen eine visuelle Gestalt ergeben. Von diesem Moment an ereignet sich ein intrazerebraler Prozess, weil Sie damit beschäftigt sind, die horizontale Spie-gelung beim Wahrnehmen der Zeichen in Ihrer Vorstellung aufzulösen. Auch das ist ein geistiger Pro-zess, weil er sich auf eine Änderung der relationalen Beziehungsaspekte der Zeichenstrukturen be-zieht. Dann kann es sein, dass Sie die psychische Dimension erfahren, weil Sie mit einem Wort kon-frontiert sind, welches über viele Jahrzehnte hinweg psychisch besetzt und negativ konnotiert wurde.
Alle Ausdrucks- und Gestaltungshandlungen werden von diesen drei Dimensionen des zerebralen Es ermöglicht, wobei dessen physische Dimension die Voraussetzung dafür ist Aspekte der psychischen und geistigen Dimension über das intrazerebrale Ich zum Ausdruck bringen zu können. Das war und ist die Voraussetzung für eine sich differenzierende Entwicklung sowohl der individuellen wie der kollektiven zerebralen Netzwerke, die Ursache für eine Mathematik der Atombombe, für das mög-liche Geistige in der Kunst, die in Mozarts Krönungsmesse, in den Suggestionen des Nationalso-zialismus, in Buddhas Lehrreden oder den Perversionen de Sades ihren Ausdruck gefunden haben und finden können.
Das zerebrale Es umgreift mehr als das was man Gehirn nennt. Wie ich bereits gesagt habe ist das Gehirn der physische Aspekt des zerebralen Es der instantan mit der psychischen und geistigen Di-mension koexistiert. Wenn man sich die Gesamtheit der schöpferischen Leistungen, die das zerebrale Es seit seinem in der Welt sein und seinen ersten Ausdruckshandlungen in Höhlen bis heute ge-schaffen und hinterlassen hat vorzustellen vermag, bekommt man eine Ahnung, wozu es fähig war und fähig ist und sich zugleich immer wieder auch seiner Möglichkeiten beraubt.
Evolutionstheoretisch gedacht meint man, es wäre die unvorstellbare Summe aller möglichen neuro-nalen und synaptischen Interaktionen sowie deren intrazerebralen Vernetzungen, die das Psychische und Geistige als Begleiterscheinung des Physischen hervorbringen würden. Das bedeutet, das Kom-plexe, Differenzierte und Neue sind lediglich das unbeabsichtigte Nebenprodukt einer Quantifi-zierung physischer Elemente und deren zufälligen Vernetzungen. Es bedeutet auch, dass sich Qualität und Sinn durch physische Quantität und blinde Rückkoppelungen verwirklichen würden.
Aber die Quantität von Buchstaben ergibt keine Bedeutung vermittelnden Worte und eine zufällige Aneinanderreihung von Worten ergibt keinen Sinn vermittelnden Text. Ohne Absicht und Wollen werden Steine nicht zu einer Mauer geschichtet und ohne Idee, Geist und Konzept wird kein Gebäude entstehen. Harmonikale Proportionen entstehen nicht durch Zufall, Farb- und Tonakkorde auch nicht. Seit Max Planck weiß man, dass die physische Realität der Elementarstrukturen gequantelt, nicht in beliebigen Zwischenstufen verminderbar oder vermehrbar ist und sich nicht auf einer linear gedach-ten Zeitachse chronologisch ändert. Die physische Realität ist demzufolge nicht gleitend von null bis etwas mehr als null entstanden, sondern aus einer Einheit, die aufgrund eines konstanten Wertes strukturiert und proportioniert erscheint. Dieser Wert kann nicht weder unterschritten noch beliebig vergrößert werden. Das heißt, die Grundlage der physischen Dimension ist eine von Beginn an gegebene relationale und proportionale Größe, der man nichts hinzufügen oder wegnehmen kann. Zahl und Wert, Quantität und Qualität bestimmen und ermöglichen die Phänomene der Welt, die sich in drei Dimensionen der Welt und des zerebralen Es verwirklichen. Ein für das Wahrnehmen und Er-kennen wesentlicher Aspekt ist im Kontext der triadischen Dimensionen des zerebralen Es, die Phä-nomenologie des Ich.