Das dreidimensionale Ich

Das intrazerebrale Ich des zerebralen Es

Das Modell der triadischen Dimension des zerebralen Es beschreibt grundlegende Zusammenhänge, die sich übergeordnet und über den Menschen hinaus auf die belebte und unbelebte Welt beziehen. In engerem Sinn betrifft das vor allem die Phänomenologie des Icherlebens. Denn was wir als Ich bezeichnen, sind vom zerebralen Es generierte Einflüsse, deren Wirkungen sich in der physischen, psychischen und geistigen Dimension der Welt äußern und realisieren. Diese Äußerungen sind ein Ausdruck der physischen, psychischen und geistigen Dimension des zerebralen Es, die über die unter-schiedlichen Freiheitsgrade des zerebralen Ich Verhalten und Erleben ungestaltet oder gestaltet, kontrolliert oder unkontrolliert, gewollt oder ungewollt wahrgenommen und erlebt werden, und da-durch mehr oder weniger bewusst sind.

Über das zerebrale Ich des auf sich selbst bezogenen einzelnen Menschen verwirklicht und realisiert das zerebrale Es seine Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten, in seinen Interaktionen mit der Welt. Jedes zerebrale auf sich selbst Ich ist ein Teil der terrestrischen Ich-Union aller Menschen, die in ihrer Gesamtheit ein unbewusstes terrestrisches Ich-Gruppenfeld bilden. Von einer Metaebene aus betrachtet wird die physische, psychische und geistige Dimension des terrestrischen Systems über die Einflüsse und Wirkungen des zerebralen Ich auf das Gruppenfeld entweder gestaltend oder de-struktiv bewirkt.

Den ersten Ansatz zu dieser Einsicht hatte ich 1965, nachdem eine gegenstandsfreie Zeichnung ent-standen war (Bild 36), die mich zeitgleich zur Lamaistischen Kosmologie der Tibetischen Medizinphi-losophie geführt hatte, die ebenfalls drei Dimensionen kennt. Weil dieser Zusammenhang irrational und ohne logische Kausalität war, hatte er mich etliche Jahre später dazu veranlasst, mich mit der Phi-losophie der Quantenphänomene zu befassen.


Bild 36

Bild 37

Jedes zerebrale Ich ist ein Aspekt des zerebralen Es und somit eine individuelle Verwirklichung seiner drei Dimensionen (Bild 37). Aufgrund dieser analogen Struktur, die einem Tertium comperationis ent-spricht, ist jedes Ich akausal mit dem zerebralen Es und seinen drei Dimensionen verbunden, die allen Phänomenen der Welt zugrunde liegen. Mit diesem ana-logischen Modell lassen sich auch para-normale, psychedelische und psychotische Phänomene verstehen, die keinen Sinn ergeben, wenn man von einzelnen voneinander isolierten physischen Gehirnen ausgeht. Dem Problem der Kontroverse Ich versus Gehirn liegt die irrationale Meinung zugrunde, dass ein nicht physisches Ich eine vom phy-sischen Gehirn getrennte, eigenständige und unabhängige Instanz sein würde.

Den Beweis für die Illusion der Unabhängigkeit und Eigenständigkeit des Ich meint man in der Beob-achtung messbarer Bereitschaftspotenziale gefunden zu haben. Sie sollen ein Beleg dafür sein, dass eine Entscheidung zum Handeln nicht vom Ich, sondern vom Gehirn getroffen wird. Dieser Inter-pretatation liegt die naive Idee eines zerebralen Determinismus zugrunde und suggeriert, dass dem menschlichen Verhalten nichts weiter als blinde Mechanismen zugrunde liegen würden. Aber für das Modell der drei Dimensionen sind diese Bereitschaftspotenziale bedeutungslos. Ohne diese Beob-achtungen zu leugnen, sehe darüber hinweg und behaupte stattdessen, das zerebrale Es ermöglicht dem zerebralen Ich das Erleben und die Gewissheit eines gewollten Handelns und freier Entschei-dungen. Das bedeutet: Das zerebrale Ich kann wollen, weil es das zerebrale Es will. Denn wenn das Ich ein Aspekt des zerebralen Es ist, lässt es sich nicht von dessen drei Dimensionen trennen. Geht man jedoch von einem ausschließlich physisch existierenden Gehirn aus, kann es grundsätzlich kein vom Ich gewollte Handlungen und Entscheidungen geben, weil man sie auf zerebrale Aktivitäten neurona-ler Algorithmen reduziert.

Das Modell des zerebralen Ich im zerebralen Es beschreibt wesentliche Eigenschaften des Menschen und der Lebenswelt im Kontext eines physischen, psychischen und geistigen Weltgefüges außerhalb des unsinnigen Gegensatzes von Geist und Materie. Es transzendiert die Phänomene einer physi-schen Dimension in einen höher strukturierten sinngebenden Zusammenhang, der die Beobachtun-gen der materiellen zerebralen Realität nicht ignoriert, sondern in einen übergeordneten Zusammen-hang stellt und dementsprechend versteht. Das Erleben einer psychischen und geistigen Eigenstän-digkeit und Entscheidungsfreiheit des Ich, wird aufgrund der Koinzidenz von zerebralem Ich und zere-bralen Es durch scheinbar wissenschaftliche Glaubenssätze infrage gestellt, irrational, religiös oder esoterisch verzerrt, sondern den Erfahrungen entsprechend akzeptiert, weil sie sich ereignen und so-mit der Fall sind.

Der konventionelle Konflikt zwischen einem Ich, das zweifelsfrei Entscheidungsfreiheit erlebt und einem physisch agierenden Gehirn, das keines Ichs bedarf, ergibt sich aus dem fiktiven Unterschied zwischen dem Ich das man ist und einem Gehirn, das man hat. Man glaubt daran, die gesamte Existenz des Seienden würde in allen ihren Aspekten grundsätzlich und generell auf physische Ursachen zurückzuführen sein und beruft sich dabei auf eine simple Regel, die als Ockham’s Rasiermesser bekannt ist. Sie besagt, nur die einfachste aller denkbaren Erklärungen könne als Erklärung akzeptiert werden. Was dieser Regel der maximalen Vereinfachung widerspricht, wird mit einem matapho-rischen Rasiermesser wegrasiert, bis die Erklärung einfach genug ist. Und was ist das Einfachste? Es gibt kein Ich, kein Wollen und keinen Geist. Hier offenbart sich der unsinnige Gegensatz zwischen Wissenschaft und Kunst. Wenn nämlich ein Reduzieren auf das Wesentliche bedeutet, ein Bild so lange abzuschaben, bis nur noch die nackte materielle Leinwand übrig ist, dann hat man den Sinn der Materie als Voraussetzung für die Verwirklichung des Psychischen und Geistigen nicht verstanden. Das Psychische und Geistige lässt sich nicht mit einer Reduktion auf materielle Strukturen redu-zieren. Diese Reduktion ist zwar möglich, aber dann ist das Bild verschwunden. Mit einer auf ma-terielle Elemente reduzierten Neurophysiologie lässt sich die qualitative Anmutung der Proportionen eines Goldenen Schnitts nicht erklären; mit dem Modell der drei Dimensionen des intrazerebralen Ich aber schon (Bild 38). Das Wort „intrazerebral“ verwende ich, um damit anzudeuten, dass die Phä-nomenologie des Icherlebens eine in den drei Dimensionen des zerebralen Systems inhärente Wirklichkeit ist. Wenn das Ich entscheidet, hat das zerebrale Es entschieden. Das ist der Sinn dieser Koinzidenz beider, die eins sind, aber als zwei erscheinen.


Bild 38

Ich habe im gegenstandsfreien hypnoiden Zeichnen und beim Malen der Rollbilder erkannt, dass das zerebrale Es ein psychotisches System ist. Wenn ich das schreibe, verwende ich den Begriff psycho-tisch keinesfalls im psychiatrischen, sondern in einem phänomenologischen Sinn und meine damit ei-nen Zustand der Überlagerung aller Aspekte des Ausdrucks und Verhaltens, die infolge der physi-schen, der psychischen und der geistigen Dimension sowohl individuell wie kollektiv möglich sind. Dass dieser Überlagerungszustand „psychotisch“ - ich könnte auch sagen chaotisch sein muss, ergibt sich aus seiner Phänomenologie. Veranschaulichen und betrachten wir diese Behauptungen anhand der Entwicklung zu einer gegenstandsfreien Collage.


Bild 39

Stellen Sie sich vor, die Menge der Schnipsel auf einem Tisch (Bild 39) würde aus unbegrenzt vielen Teilmengen bestehen. Jeder einzelne Schnipsel wäre also eine Teilmenge der Menge aller Schnipsel. Diese Menge wäre dann ein ungeordnetes Ganzes von sich überlagernden Teilmengen. Das würde einem chaotischen, das heißt ungeordneten, unstrukturierten, gegenstandsfreien und offenen Zustand entsprechen. Wenn Sie sich jetzt weiter vorstellen, dass jeder Schnipsel anders aussieht (das ist wie bei Schneeflocken, von denen keine der anderen gleicht) und somit eine eigene und andere Gestalt ist, die sich von den anderen Gestalten unterscheidet, dann können Sie sich auch vorstellen, dass jeder Schnipsel eigene und andere Eigenschaften vermittelt als die anderen. Stellen Sie sich jetzt auch noch vor, dass jeder Schnipsel aufgrund seiner Eigenschaften suggestiv auf Ihr Denken, Empfin-den und Wollen wirkt, dann haben Sie aufgrund der Überlagerung dieser Zustandsmöglichkeiten eine Vorstellung vom psychotischen Aspekt des zerebralen Es.

Metaphorisch gedacht, ist diese psychotische, ungeordnete und unstrukturierte Menge aller sich überlagernder Möglichkeiten der Wirkungen auf das Denken, Fühlen und Entscheiden, die Voraus-setzung für alles, sobald es sich ereignet und verwirklicht hat und dann der Fall ist. Ich betrachte also das zerebrale Es so als ob es ein psychotisches System sein würde und das bedeutet, dass es eine von diesem System generierte Instanz gibt, die imstande ist, auf dieses System gestaltend einwirken zu können. Daraus erschließt sich der Sinn der Ichfunktion. Diesbezüglich meine ich, Arthur Schopen-hauer hat etwas äußerst Wesentliches erkannt, wenn er sagt, der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Anders formuliert, es gibt ein intrazerebrales Ich, das wollen kann, weil es das zerebrale Es so will. Jetzt komme ich auf das Beispiel mit der Collage zurück und frage: Was ist erforderlich, damit aus einer Menge Schnipsel von unterschiedlicher Gestalt und Wir-kung eine Collage entsteht? Sie finden die Antwort in dem was Sie bisher gelesen haben.

Hier ist eine Aufgabe, mit der Sie die anscheinend wissenschaftliche Behauptung der fiktiven Ent-scheidungsfreiheit des Ich aufgrund eigener Erfahrung hinterfragen können: Komponieren Sie drei ungleich große Vierecke in einem DIN A4 Flächenraum so, dass eine für Sie überzeugende, ästhetisch kohärente Komposition entsteht. Es gibt dafür nicht eine, sondern mehrere unterschiedliche Lö-sungen. Keine ist richtig und keine ist falsch; aber es gibt das Empfinden einer befriedigenden Lösung, die sich vom Empfinden einer unbefriedigenden Lösung unterscheidet. Um diese Aufgabe lösen zu können, benötigen Sie ein Ich, das empfinden, wollen, unterscheiden und sich frei entscheiden kann. Vor allem benötigen Sie ein vorstellendes, finales Denken in Alternativen. Wenn Sie sich auf diese Aufgabe einlassen und in Bezug zu sich selbst aufmerksam wahrnehmend sind, erfahren Sie einen Interaktionsprozess, dessen Voraussetzung das physische Gehirn mit seinen Bereitschaftspotentia-len, dessen Ursache jedoch die psychische und geistige Dimension ist (Bild40).


Bild 40

Weil das schöpferisch agierende, intrazerebrale Ich keine vom zerebralen Es isolierte Instanz ist, kommt ein Gestaltungsprozess nicht durch willenlose, blinde Aspekte eines von Algorithmen gesteu-erten physischen Gehirns zustande. Das Ich ist in die Ganzheit des zerebralen Es integriert, sodass sich im unsichtbaren und unbewussten psychotischen Chaos aller Möglichkeiten des Ausdrucks in der sichtbaren Realität verwirklichen können. Es sind die unterscheidenden, qualifizierenden, selektie-renden und konfigurierende Einflüsse des zerebralen Ich, die in einer dialogischen Korrespondenz mit den gegenstandsfreien Effekten des zerebralen Es gestaltbildend wirken. Es ist also nicht das kleine Ich, das meint, wollen zu können, sondern der Wille des zerebralen Es, der sich über das intrazere-brale Ich handelnd und gestaltend zum Ausdruck bringt (Bild 41).


Bild 41

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