Mediumismuis, Psychedelik und Psychose
Gegenstandsfreies Zeichnen im hypnoiden Zustandsraum
Was sich beim gegenstandsfreien Zeichnen ereignet, sind Ausdruckshandlungen der drei Dimensio-nen des subzerebralen Ich. Das Ich kann sich in einem normalen, an das zerebrale Kollektiv angepass-ten oder in einem davon abweichenden Zustandsraum befinden. Abweichungen können gewollt oder ungewollt, kontrolliert oder spontan sein. Chemische Stimulantien, Suggestionen und mentale Exerzi-tien sind Mittel und Möglichkeiten, um den Zustandsraum des intrazerebralen Ich vorübergehend zu verändern. Der egoge Zustandsraum hängt mit dem ihm übergeordneten Zustandsraum des zerebra-len Es zusammen. Das bedeutet, dass sich die dem Ich übergeordneten Prinzipien Bewegung, For-mierung und Bindung des zerebralen Es aufgrund deren Überlagerung aller Möglichkeiten des Aus-drucks ungestaltet bis chaotisch, undifferenziert bis verworren und inferior äußern. Dem subzere-bralen Ich kommt in seiner Funktion als Interface und aufgrund seiner Möglichkeiten selektierend, strukturierend, formierend und qualifizierend agieren zu können, die Aufgabe zu, auf die sich unge-staltet äußernden Effekte des zerebralen Es Einfluss zu nehmen. Selbstverständlich sind diese Ein-flüsse Funktionen der drei Dimensionen des zerebralen Es und nicht des materiellen Gehirns.
Die Koinzidenz von subzerebralem Ich und zerebralem Es generiert durch die Freiheit des Wollens, Entscheidens und Handelns die Vielfalt der Individuen, die von einer übergeordneten Perspektive her betrachtet Facetten des zerebralen Es sind. Alle verwirklichten und verwirklichbaren Aspekte des intrazerebralen Ich sind Teilmengen der Menge des zerebralen Es und insofern sie das sind, befinden sich diese Teilmengen in einem gegenstandsfreien Überlagerungszustand, der dem zerebralen Es gleichzusetzen wäre. Im Rahmen dieses Modells gibt es demnach nicht dein, mein oder sein, sondern ein zerebrales Es dessen drei Dimensionen das kollektive Gehirn der terrestrischen Entität ist.
Im Vergleich mit anderen nicht menschlichen Lebewesen hat das zerebrale Es beim Menschen ein subzerebrales Ich entwickelt, dessen intrazerebrale Effekte die Voraussetzungen für individualisierte zerebrale Modellierungen ermöglichen. Diese Modellierungen werden durch eine dialogische Inter-dependenz zwischen dem subzerebralen Ich und dem zerebralen Es verwirklicht, indem die Freiheits-grade der drei Prinzipien in der physischen, psychischen und geistigen Dimension formierend zum Ausdruck gebracht werden (Bild 83).
Bild 83
Wenn sich das subzerebrale Ich in einem hypnoiden Zustandsraum befindet, können Strukturen des zerebralen Es unmittelbarer zum Ausdruck kommen als in einer alltagsnormalen Verfassung. Stellen wir uns also zunächst die Frage, was unter hypnoid zu verstehen wäre und warum es unter be-stimmten Voraussetzungen zwischen dem objektfreien Ausdruck und einem hypnoiden Zustand ei-nen Zusammenhang gibt. 1929
schreibt der russische Avantgardekünstler Kasimir Malewitsch in seinem Suprematistischen Manifest sinngemäß, dass der gegenstandsfreie Ausdruck im Unterschied zur gegenständlichen Darstellung dafür geeignet ist, seelische Empfindungen möglichst unmittelbar zum Ausdruck bringt, weil man da-bei das Gewohnte der gegenständlichen Welt verlässt. Ähnliches trifft auch auf den hypnoiden Zu-stand zu.
Der Begriff „hypnoid“ wurde von den Psychiatern Josef Breuer und Sigmund Freud in den Anfängen der Psychoanalyse in einem theoretischen Modell psychischer Störungen angewendet. Man hatte da-mit unbewusste psychische Aspekte bezeichnet, die sich im Leben eines Menschen hätten auswirken können oder ausgewirkt haben. Mittels Suggestion und Hypnose hatte man versucht, diese unbe-wussten Aspekte der Psyche aufzudecken und zu behandeln. Im Verlauf der Entwicklung zu einer psy-choanalytischen Theorie wurde dann die Idee der hypnoiden psychischen Aspekte vom Konzept der sogenannten unbewussten Inhalte des Unterbewusstseins abgelöst. Der wesentliche Unterschied dieser konzeptuellen Umstellung war, dass die unbewussten psychischen Aspekte nicht mehr durch Suggestion und Hypnose, sondern ausschließlich im geduldig abwartenden Zuhören aufgedeckt wur-den. Aufdecken bedeutete, das präkognitiv Erlebte in Sprache zu übersetzen und es im Kontext einer Triebtheorie einem rationalen Verständnis zuzuführen. Ich wende den Begriff hypnoid jedoch anders an und bezeichne damit keine unbewussten psychischen Inhalte, sondern eine Befindlichkeit oder Disposition, wenn sich das subzerebrale Ich in einem Zustand fokussierten Empfindens und des per-missiven Wahrnehmens beim gegenstandsfreien Zeichnen befindet.
Meine diesbezüglichen Studien und Versuche mit diesem hypnoiden gegenstandsfreien Zeichnen ha-ben 1957 begonnen. Damals hatte ich, mit einer Methode mentaler Konzentration, im Zustand einer veränderten Selbstwahrnehmung eine gegenstandsfreie Linie gezeichnet. Diese Erfahrung war mit dem Eindruck verbunden gewesen, dass etwas in mir diese Linie gezeichnet haben würde. Rück-blickend betrachtet hatte ich damals den psychischen Erfahrungsraum des gegenständlichen Erle-bens verlassen und konnte mich über das Medium des gegenstandsfreien Zeichnens im hypnoiden Zustandsraum erfahren. Es gibt Zustände, Situationen, Eindrücke und Gewissheiten, die sich weder begründen noch erklären lassen. Das hebt sie aus dem Allgemeinen heraus und macht sie zu etwas Besonderem. So erging es mir damals mit dem veränderten Selbsterleben und dieser unscheinbar scheinenden Linie (Bild 84). Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass dies der initiale Beginn eines Weges war, der mich zum hypnoiden Malen der Rollbilder geführt hatte.
Bild 87
Wenn sich das subzerebrale Ich in einem hypnoiden Zustand befindet, ist das wie eine Brücke zum ze-rebralen Es und seinen Überlagerungen aller Ausdrucksmöglichkeiten.
Dann können unbeeinflusst von Konditionierungen, diverser Einschränkungen, egozentrierter Ab-sichten und Vorbehalte ideodynamische Ausdrucks- und Handlungsimpulse der drei Dimensionen zum Ausdruck kommen, die sich nicht wiederholen lassen. Das sind grundsätzlich und ausschließlich aktuelle Ereignisse, die sich nicht wiederholen lassen und somit naturwissenschaftlich nicht beweis-bar sind. Dennoch sind sie offensichtlich. Aber welche Bedeutung hat dieses Offensichtliche für die wissenschaftliche Weltbetrachtung? Ich möchte diesbezüglich noch einmal darauf hinweisen, dass das Ich weder eine vom physischen Gehirn getrennte Instanz noch eine vom Gehirn produzierte Il-lusion ist. Im Rahmen des triadischen Modells ist das Ich ein subzerebraler Aspekt der physischen, psychischen und geistigen Dimensionen des zerebralen Es und seiner drei Prinzipien (Bild 85).
Bild 85
Wenn sich das subzerebrale Ich in einem hypnoiden Zustand befindet, können Effekte und Affekte des zerebralen Es beim ideodynamischen Zeichnen wesentlich unmittelbarer zum Ausdruck kommen als es der Fall wäre, wenn egozentrierende Vorstellungen und Werturteile, die Ideodynamik beein-flussen würden. Stellen Sie sich vor, dass sich alle – wirklich alle möglichen gegenstandsfreien Aus-druckslinien in einem Überlagerungszustand befinden. Diesen Überlagerungszustand aller Aus-druckslinien nenne ich jetzt ein graphisches Es. Dieses graphische Es würde einem schwarzen Flä-chenraum entsprechen, weil alle Variationen gegenstandsfreier Linien und Formen im Zustand ihrer Überlagerung ein schwarzes Feld ergeben würden.
Jede Ausdruckshandlung, jede Formierung zur Konfiguration einer Form, sowie die kohärenten Be-ziehungen der Formen und ihre Bindung zum Ganzen einer Gestalt sind Möglichkeiten im Über-lagerungszustand des zerebralen Es. Diese Möglichkeiten, die ich graphisches Es genannt habe, sind raumzeitlich nicht verortet. Dieses nicht verortete mögliche, sind nichtlokale neuro-interaktive Ver-wirklichungs-Möglichkeiten der physischen, psychischen und geistigen Dimension und deren Prinzi-pien des zerebralen Es (Bild 86).
Bild 88
Bild 86
Wenn ich mich wie Malewitsch, Kandinsky und anderen dem Geistigen im gegenstandsfreien Bild und der Kunst der vierten Dimension zuwende, könnte dieses Modell der Zustandsüberlagerung ein An-satz sein, der zeigt, dass sich in jeder, auch bedeutungslos scheinenden Linie, eine raumzeitlich ver-ortete und damit individualisierte Verwirklichung eines universalen Prinzips verwirklicht hat. Das be-rühmte schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch (Bild 87) würde dem entsprechen. Lange vor ihm hatte man in der Alchemie im Prinzip des absolut Schwarzen (Bild 88) und in der mystischen Kos-mologie (Bild 89) dieses Prinzip des Schwarzen in einem anderen Kontext bereits gekannt und zum Ausdruck gebracht.
Bild 87
Bild 88
Bild 89
Die raumzeitliche Verortung eines Aspekts der physischen, psychischen und der geistigen Dimension in einem gegenstandsfreien Bild bedarf der Bewegung, Formierung und der Bindung, um den Überla-gerungszustand des Möglichen, noch nicht verwirklichten, zu beenden. Das ereignet sich in dem Au-genblick, in dem sich eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte Ausdruckshandlung im Raum der phy-sischen Dimension realisiert. Von diesem Moment an entsteht durch Bewegung, Formierung und Bin-dung etwas, was man eine Zeichnung nennt. Damit sich aus dem Zustand der Überlagerung, der Nichts ist, eine Ausdruckslinie physisch im Flächenraum verorten kann, bedarf es einer Ursache im Kontext einer Voraussetzung. Die Voraussetzung ist die physische Dimension des zerebralen Es, also das Gehirn. Die Ursache ist jedoch eine Absicht und die Entscheidung der psychischen Dimension. Beides ermöglicht den formierenden Einfluss der geistigen Dimension auf die Bewegung, über den sich eine sensorisch wahrnehmbare Gestalt verwirklicht. Betrachten wir diesen Zusammenhang wieder anhand eines Beispiels (Bild 90).
Bild 90
Eine Voraussetzung für diese Ausdruckshandlung war die Bewegung. Ohne die physische Dimension einer Bewegung hätte sich nichts ereignet. Dieser Bewegung hatte die Motivation und die Absicht des subzerebralen Ich zugrunde gelegen, eine motorische Handlungs- und Ausdrucksdynamik in Gang zu setzen, um eine gegenstandsfreie Ausdruckshandlung zu verwirklichen. Die dynamische Spur des Pin-sels ist nicht von selbst entstanden. Wahrnehmung, Dauer der Bewegung, Orientierung im Raum, Richtung und Relation waren Ausdrucksphänomene der geistigen Dimension, die in Interaktion mit den psychischen und physischen Aspekten des subzerebralen Ich, diese gegenstandsfreie Ausdrucks-handlung ermöglicht hat. Naturwissenschaftlich gedacht würde diese objektfreie Bewegungsgestalt aufgrund von materiellen Mechanismen eines ausschließlich physisch existenten Gehirns zustande gekommen sein, weil es kein Ich gibt, das wollen, entscheiden und gestalten kann. Ich wiederhole mich deshalb und weise darauf hin, es ist das zerebrale Es, das in Korrespondenz mit seinem subzerebralen Ich entscheidet und handelt. Der immer wieder suggerierte Trugschluss, es wäre das Gehirn und nicht das Ich, das Entscheidungen ohne einen Willen des Ich treffen würde, ist aus der Sicht des triadischen Modells eindeutig unsinnig.
Gegenstandsfreie Ausdruckshandlungen können von bewussten Absichten oder unbewussten Moti-ven des subzerebralen Ich beeinflusst werden; sie können auch unmittelbar vom zerebralen Es her er-folgen, wie dies zum Beispiel in hypnoiden, psychedelischen oder psychotischen Zuständen der Fall ist. Dabei ist nicht zu übersehen, dass die Ergebnisse solche Ausdrucksprozesse ohne eine regulie-rende bzw. modellierende Beteiligung des Ich von Ausnahmen abgesehen, zumeist unbedeutend und bildnerisch inferior sind. Das ist dann und deshalb der Fall, wenn die intrazerebralen Effekte des zere-bralen Es ohne einen modellierenden Einfluss durch superiore Aspekte des subzerebrale Ich zum Aus-druck gelangen. Hier sind zwei dementsprechende Beispiele (Bilder 91 und 92).
Bild 91
Bild 92
Was ich hier andeute, zeigt sich noch anschaulicher bei einem anderen Phänomen, das als sogenann-tes automatisches Schreiben bekannt ist. Dabei kommen im hypnoiden Zustand und ohne eine nen-nenswerte Beteiligung formierender Aspekte des subzerebralen Ich gegenstandsfreie Ausdrucks-handlungen zustande, deren Ideodynamik ein Ausdruck unbewusster Effekte des zerebralen Es ist (Bilder 93 bis 96). Aufgrund der Absichtslosigkeit beim Schreiben und der Abwesenheit gestaltenden Denkens meint das Medium, die schriftähnlichen formbildenden Bewegungen würden von einer ex-ternen geistigen Wesenheit geschrieben worden sein.
Bild 93
Bild 94
Bild 95
Bild 96
Was auf diese Weise zum Ausdruck kommt, sind inferiore Aspekte des zerebralen Es, die sich in einem hypnoiden Zustand von Ichauflösung ideodynamisch vermittelt haben. Doch diese schriftähnlichen Ausdruckslinien der gegenstandsfreien Zeichen bedeuten nichts. Das Bedürfnis nach Sinn und Bedeu-tung verführt jedoch dazu, solchen Liniengestalten, Zeichen und Zeichenfolgen Bedeutung zu geben. Dann besteht das Missverständnis kleiner Geister darin, die Phänomene der geistigen Dimension des zerebralen Es mit einer Welt der Geister zu verwechseln.