Phänomene sind alles, was der Fall ist
Einführung
Bilder auf hunderte Male ausgekochter Hotelleintücher zu malen, auf denen, ich weiß nicht, wie viele Gäste mit ihrem Arsch gelegen haben, scheint nicht besonders anspruchsvoll zu sein. In den folgenden Kapiteln beschreibe ich die hintergründigen Zusammenhänge der Prozesse, die dazu geführt haben. Alles hatte mit einer gegenstandsfrei gezeichneten Linie begonnen.
Eine Linie ist die Spur einer Bewegung, mit einem Anfang und einem Ende. Ich werde über die Erschei-nungen von Linien ein neues Verständnis des Gehirns, des Menschen und der Welt definieren, dabei die Grenze zwischen Geist und Materie überschreiten, und zwar so, dass Sie diesen Zusammenhang ituitiv mitvollziehen können, wenn Sie sich darauf einlassen. Die Wahrheit beginnt und endet mit den Phänomenen. Sie sind alles und das Einzige, was der Fall ist, wie Ludwig Wittgenstein möglicherweise sagen würde. Das Gerede endet dort, wo die Realität und die Wirklichkeit beginnen.
Bild 1
Was ist das Gemeinsame dieser Linien (Bilder 2 bis 14)? Es ist deren darstellungsfreie Gestalt. Damit meine ich, in keiner dieser linearen Gestalten ist ein gegenständliches Objekt zu sehen, das man kennen oder wieder erkennen könnte. Radikaler formuliert zeigt jedes dieser Beispiele nichts außer sich selbst. Es sind visuelle Zustände ohne Hinweise auf ein Objekt. Trotzdem sind diese dreizehn Gestalten wahr, weil sie der Fall sind; andernfalls würden sie nicht zu sehen sein. Sie entziehen sich dem Denken, sind weder logisch noch unlogisch, weder richtig noch falsch, weil sie nicht gedacht, sondern wahrgenommen werden. Der Zustand einer tendenziell begriffsfreien Wahrnehmung ändert sich, sobald Sie erfahren, wie diese linearen Gebilde entstanden sind.
Bild 2 zeigt den Ausschnitt einer ungefähr 35.000 Jahre alten Petroglyphe. Das sind Linien, die in die Höhlenwand geritzt oder graviert worden waren. In Bild 3 ist eine Linie, die ich 1964 in einem hypno-iden Zustand gezeichnet hatte. Bild 4 zeigt Linien, die ein Medium in Trance gezeichnet hat. Bild 5 ist eine von einem psychiatrischen Patienten gezeichnete Linie.
Bild 2
Bild 3
Bild 4
Bild 5
Bild 6
Bild 7
Bild 8
Bild 9
Bild 10
Bild 11
Bild 12
Bild 13
Bild 14
Das Fundament aller Wissenschaften ist die Physik, die den Anspruch hat, alle Phänomene dieser Welt erklären zu können. Wäre es so, gäbe es zwischen diesen Bildern keine Unterschiede, weil sie sich auf Elementarstrukturen zurückführen lassen, zwischen denen es keine Differenzen gibt. Wir wissen aber, dass es ohne zerebrale Systeme auch keine Physik geben würde. Demzufolge ist das-jenige, was erkennt vom Erkannten zu unterscheiden und das bedeutet, dass Voraussetzung und Ursache nicht dasselbe sind. In jedem dieser Beispiele sind identische physische Elementarstrukturen die Voraussetzung für die Erscheinungsformen. Aber die Ursache dafür, dass man diese Erschei-nungsformen sehen kann, ist nicht deren physische Voraussetzung, sondern der formierende Einfluss einer mit dem Physischen koexistierenden psychischen und geistigen Dimension. Ein Tongefäß mo-delliert sich aufgrund seiner physischen Realität nicht von selbst. Es sind Absicht, Idee und Motivati-on, die Gestalt bildend auf die physische Realität einwirken.
Bei der im Titel angedeuteten gegenstandslosen Welt beziehe ich mich auf meine in den Jahren 1964 bis 1997 geschaffenen Zeichnungen und Rollbilder, die in einem hypnoid veränderten Zustand des Bewusstseins entstanden sind. Dabei hatte und hat mich die Frage beschäftigt, wie ein solcher Vor-gang entstehen konnte, wenn er dem Wissenschaftsglauben zufolge nicht mehr gewesen sein sollte als der Ausdruck einer physischen Aktivität des Gehirns, in dem nichts Geistiges nachzuweisen ist. Diese Auseinandersetzung mit der geistigen Dimension im Physischen hat mich ein triadisches Modell des Gehirns und darüber hinaus des Seienden erkennen lasse. Als „triadisch“ bezeichne ich die Einheit in der Differenz von drei aufeinander Bezug nehmenden Dimensionen, die wie im Beispiel dieser gegenstandsfreien Collage (Bild 15) instantan und nicht kausal zusammenwirken.
Bild 15
Diese Collage besteht aus drei visuellen Elementen, die relational aufeinander bezogen sind und eine Bildeinheit bilden. Diese Einheit ist mehr als die Summe seiner Teile, weil nicht die Quantität, sondern deren Qualität und relationale Verortung im Flächenraum einen Wirkungs- und Empfindungszustand bildet. Und ebenso wie diese Collage als eine übergeordnete Beziehungs-Einheit nicht identischer Teile und deren Verortung im Flächenfeld existiert, ist auch das wahrnehmende und empfindende Gehirn als eine Einheit nicht identischer zerebraler Teile in einem ihnen übergeordneten Wahrneh-mungsfeld zu verstehen. Es mir geholfen zu erkennen, dass die Konfiguration dieser oder einer ande-ren gegenstandsfreien Collage kein Ausdruck logischer Beziehungen ist; sie ist weder richtig noch falsch. Sie ist Wirkung. Als Wirkungsgefüge wird das Bild harmonisch oder disharmonisch, konsonant oder dissonant, gestaltet oder durcheinander, Bezug nehmend oder beziehungslos wahrgenommen und empfunden.
Im Verlauf meiner Erfahrungen mit dem gegenstandsfreien Zeichnen und dem Malen der Rollbilder habe ich erkannt, dass die geistige Dimension der Realität die gegenstandsfreie Wirklichkeit relatio-naler Beziehungen ist.
Kapitel-Verzeichnis